Ängste und Phobien - Nicole Inez Fuchs
8 Minuten Lesezeit

Agoraphobie – Symptome, Behandlung und Ursachen

Stelle dir bitte einmal vor, du hast so große Angst, dass du deine Wohnung oder dein Haus nicht mehr verlassen kannst. Wenn du an bestimmte Orte gehst, an denen etwa viele Menschen sind, bekommst du wie aus dem Nichts Angst- und Panikzustände. Dein Hals schnürt sich zu, das Herz scheint aus der Brust zu springen und der Schweiß schießt dir aus den Poren. Außerdem hast du Angst vor großen Plätzen. Eigentlich vor allen Situationen, die du nicht kontrollieren kannst, die außerhalb der eigenen vier Wände liegen. Diese beschriebenen Situationen können Anzeichen einer Agoraphobie oder Platzangst sein. Hier erfährst du, was die Ursachen hinter dieser psychischen Erkrankung sind und was du dagegen tun kannst!

 

Definition Agoraphobie – Was ist das?

Unter Agoraphobie versteht man eine bestimmte Art der Angststörung. Oftmals wird diese psychische Störung auch von Panikattacken begleitet. Agoraphobie und Panikstörung zählen zu den häufigsten Erkrankungen der Psyche. Deutschlandweit leiden etwa 1,5 Millionen Menschen daran. Dabei trifft es Frauen etwa doppelt so oft wie das männliche Geschlecht.

ICD-11-Diagnose der Agoraphobie

Gemäß des ICD-11 ist der Ausbruch einer Agoraphobie oder Panikstörung meist das junge Erwachsenenalter. Da diese Angsterkrankung Betroffene im Alltag oft sehr einschränkt, ist sie dementsprechend belastend. Der Name Platzangst kommt übrigens daher, da die Personen Angst vor öffentlichen Plätzen haben.

Unterschied zwischen Agoraphobie und Klaustrophobie

Zu unterscheiden ist dabei zwischen Agoraphobie und Klaustrophobie. Bei der Klaustrophobie hat man Angst vor engen, geschlossenen Räumen oder größeren Menschenanhäufungen wie bei Konzerten oder Ähnlichem. Bei Betroffenen kommt es dann oft zu Panik- bzw. Angstattacken. Man spricht dabei von der Raumangst. Bei der Agoraphobie hingegen fürchtet man weite, offene Plätze und man spricht von der Platzangst.

Mittlerweile sind manche Expert:innen der Ansicht, dass die Klaustrophobie auch unter den Begriff der Agoraphobie gefasst werden kann, da bei beiden Störungsbildern die Angst vor und das Vermeiden von Orten und Situationen im Mittelpunkt steht.

Welche Symptome zeigen sich bei der Agoraphobie?

Wenn du an dieser Form der Angststörung leidest, dann hast du eine nicht nachvollziehbare und unerklärbare Angst vor großen Plätzen oder Angst vor großen Räumen. Auch das Reisen kann dir Unbehagen bescheren. Grundlegend dabei ist, dass du diese Angst weder kontrollieren noch beeinflussen kannst. Rationale Argumente gegen die Ängste und Befürchtungen helfen ebenso wenig.

Setzt du dich der gefürchteten Situation aus, können Panikattacken vorkommen. Die Intensität dieser variiert und es wird immer öfter vermieden, angstauslösende Orte aufzusuchen. Bleibt eine Agoraphobie unbehandelt, kann dies auch dazu führen, dass sich Erkrankte gar nicht mehr aus dem Haus trauen. Grundlegende Befürchtung ist die Angst vor Kontrollverlust und die Angst, ungeschützt einer Situation ausgeliefert zu sein..

Agoraphobie mit Panikstörung

Zwischen 35 und 56 Prozent der Menschen, die an dieser Angsterkrankung leiden, haben laut ICD-11 die Diagnose Agoraphobie mit Panikstörung. Angstattacken sind hierbei das am häufigsten auftretende Symptom. Diese dauern meist ein paar Minuten. Für die betroffenen Personen fühlt es sich an wie eine lebensbedrohliche Situation, denn es treten sowohl psychische als auch körperliche Symptome auf, wie beispielsweise:

  • Herzrasen
  • Schweißausbrüche
  • Schwindel
  • Beklemmungsgefühl
  • Übelkeit

Die Angst vor der Angst

Bei Betroffenen, die immer wieder Panikattacken haben, wenn sie in angstauslösende Situationen kommen, entwickelt sich oftmals auch eine Angst vor der Angst. Laut ICD-11 wird die Angst vor der Angst als Angststörung bezeichnet. Das bedeutet konkret: Menschen mit einer Agoraphobie haben Angst davor, in einer öffentlichen Situation wieder panisch zu werden und daraus nicht schnell genug zu entkommen oder Hilfe zu bekommen. Ein Kreislauf, den man selbst oft nur schwer unterbrechen kann.

Verabredungen oder Termine werden oft akribisch geplant, damit so wenig wie möglich Unvorhergesehenes auftreten kann. Oder es kommt gar zu einem Vermeidungsverhalten, sodass solchen Situationen aus dem Weg gegangen werden kann. Schon alleine das Grübeln im Vorfeld wirkt sich sehr belastend aus.

Weißt du bereits, wie es um deine Angst bestellt ist? Mache den Angst-Test von Instahelp, um zu prüfen, wie stark die Angst in dir ausgeprägt ist oder schaue das YouTube-Video unserer Instahelp-Psychologin Kerstin zum Thema “Ängste überwinden“.

Welche Ursachen hat die Agoraphobie?

Platzangst kann verschiedene Ursachen haben:

  • Neurologische Ursachen bei Agoraphobie
    Bei Angsterkrankungen sind gewisse Botenstoffe, die sogenannten Neurotransmitter, im Gehirn im Ungleichgewicht. Dazu zählen etwa Gamma-Aminobuttersäuren (GABA), Serotonin oder Noradrenalin. Dabei reagieren die Rezeptoren der Nervenzellen weniger sensibel auf die Botenstoffe, was zu einem Ungleichgewicht führen kann. Ob sich jedoch tatsächlich eine Störung entwickelt, hängt von unterschiedlichen weiteren Einflüssen ab. Außerdem zeigen Angstpatient:innen Veränderungen im limbischen System, im Hippocampus und dem Mandelkern. Diese Gehirnareale sind verantwortlich für das emotionale Erleben sowie für die Gedächtnisbildung.
  • Psychische Ursachen bei Agoraphobie
    Die Psychoanalyse nimmt an, dass Ängste und Panikattacken aufkommen, wenn innere, ungelöste Konflikte bestehen. Dabei sind die Betroffenen jedoch nicht in der Lage, sich mit der Angst auseinanderzusetzen. Es tritt Überforderung ein und die Person flieht vor der eigentlichen Angst – ein Teufelskreis entsteht.
  • Psychosoziale Ursachen bei Platzangst
    Wenn eine Person eher ängstlich ist, erhöht das die Wahrscheinlichkeit einer Angsterkrankung. Man nimmt körperliche Signale stärker wahr und erleben diese schneller als bedrohlich. Häufig wurden bereits in der Kindheit traumatische Erfahrungen gemacht: Sexueller Missbrauch, Tod von Angehörigen oder auch Krankheit. Einer Agoraphobie und Panikstörung geht in 80 bis 90 Prozent der Fälle ein belastendes Ereignis voraus.
  • Das Lernen von Ängsten
    Häufig kommt es dazu, dass Ängste erlernt und beobachtet werden. So können sich Kinder gewisse Ängste von ihren Eltern abschauen, beispielsweise wenn die Mutter Angst vor Spinnen hat und das Kind daraufhin auch eine Angst vor Spinnen entwickelt. Die Erziehung trägt dazu bei, wie man mit seinen Ängsten umgeht. Wird man von seinen Eltern dazu motiviert sich zu einem gewissen Grad den Ängsten auszusetzen oder wird man ermutigt, den Ängsten auszuweichen?

Das sind mögliche Auslöser für Panikattacken:

✔️ Hohe Ängstlichkeit
✔️ Traumata in der Kindheit
✔️ Aktuelle traumatische Erlebnisse
✔️ Akute Belastungen
✔️ Unzufriedenheit mit Lebenslage
✔️ Stress
✔️ Schwaches soziales Netzwerk
✔️ Alkohol- und Drogenkonsum
✔️ Koffein und Nikotin
✔️ Bestimmte Medikamente

Test zur Agoraphobie: Bist du betroffen?

Oft lassen erste Symptome vermuten, dass eine Person unter Agoraphobie leidet. Doch um eine gesicherte Diagnose zu stellen, bedarf es psychologischer Tests und einem Gespräch mit einer Expertin oder einem Experten. So kann man beispielsweise mittels der Agoraphobie Skala (kurz: AS; Öst, 1990) prüfen, ob eine Person tatsächlich unter Agoraphobie leidet. Ein weiterer guter psychologischer Test zur Prüfung der Agoraphobie ist die Panik und Agoraphobie Skala (kurz: PAS; Bandelow, 1995). Mit der PAS ist es möglich, nicht nur die verschiedene Grade einer Agoraphobie zu bestimmen, sondern auch die potenziell vorliegende Panikstörung. Diese Tests können von ausgebildeten Psychologinnen bzw. Psychologen durchgeführt werden und erlauben es, eine Diagnose zu stellen.

Agoraphobie Behandlung – Was tun?

Die gute Nachricht vorweg: Agoraphobie bzw. Platzangst ist gut behandelbar. Wichtig ist allerdings, dass rechtzeitig aktiv etwas dagegen unternommen wird. Es gibt viele unterschiedliche Ansätze zur Behandlung – gerade bei Angsterkrankungen hat sich die Kognitive Verhaltenstherapie als sehr wirksam bewährt. Dabei lernen die Betroffenen, individuelle Denkmuster zu hinterfragen und zu bearbeiten. Im weiteren Verlauf soll sich der Patient oder die Patientin der Angst aktiv stellen. Die geschieht vor allem im Rahmen einer Konfrontationstherapie. Bei einer besonders schweren Form der Agoraphobie können auch Antidepressiva helfen. Vorweg ist der Weg zu Psychologin bzw. zum Psychologen oder zur Psychiaterin bzw. Psychiater notwendig, um eine gesicherte Diagnose zu stellen.

Bei der Platzangst handelt es sich um eine gut behandelbare Erkrankung. Das Leiden ist enorm groß und professionelle Hilfe ist nur einen Klick oder Anruf entfernt. Willst du ein Leben in Angst oder in Freiheit leben? Wir können dir sagen: Es gibt ein Leben hinter der Angst, du musst nur den Weg dorthin finden. Und Wege geht man bekanntlich am besten gemeinsam.

Quellen:
Bandelow, B. (1995). Assessing the efficacy of treatments for panic disorder and agoraphobia. II. The Panic and Agoraphobia Scale. International Clinical Psychopharmacology, 10(2), 73-82. https://doi.org/10.1097/00004850-199506000-00003

Öst, L.G. (1990). The agoraphobia scale: An evaluation of ist reliability and validity. Behavior Research and Therapy, 28(4), 323-329. https://doi.org/10.1016/0005-7967(90)90084-V

World Health Organization. (2019). ICD-11: International classification of diseases (11th revision). Retrieved from https://icd.who.int/

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Erstellt am: 18. Mai 2022