Besser leben - Sabine Otremba

Freundlichkeit: Geht’s auch nett?

„Ein freundliches Wort kostet nichts und dennoch ist es das schönste aller Geschenke.” Sagte Daphne du Maurier einst. Wie gut, dass die Schriftstellerin das Internetzeitalter nicht mehr erlebt hat. Denn Freundlichkeit scheint eine aussterbende Art zu sein. Nun ist es nicht neu, dass in Foren oder Kommentarstränge selten ein netter oder gar wertschätzender Umgangston herrscht.

Irritierend ist allerdings, dass es sogar dort recht unfreundlich zugeht, wo Menschen – theoretisch – ganz aktiv an ihrer inneren Einstellung arbeiten: in einem Online-Yogastudio. In ebendiesem schaute ich mir nämlich die Probehäppchen verschiedener Videos an. Ich las mir die Kommentare dazu durch und rieb mir verwundert die Augen. Es wurde recht harsch kundgetan, dass man mit der Stimme oder der Ausstrahlung bestimmter Lehrer nicht viel anfangen könne. Oder moniert, dass so eine labbrige Yogahose ja wohl ein No-Go wäre. Die unorthodoxe Yogastunde eines noch unorthodoxeren Lehrers wurde gleich in Bausch und Bogen verdammt. Fehlte nur noch die Frage, was „so jemand“ überhaupt auf der Yogamatte zu suchen hätte.

Alltag frisst Freundlichkeit?

Das erinnert stark an die Geschichte über den Yogi, der sich irgendwo im Hochland Tibets verkroch, um dort mit einem Guru zu arbeiten. Nach einigen Wochen, in denen er sich der aufgrund der intensiven Meditations- und Yoga-Praxis wie ein neuer Mensch fühlte, reiste er ab. Auf dem Weg zum Flughafen geriet er an den Taxifahrer, den er bereits von seiner Anreise kannte. Nur verlangte der Fahrer plötzlich für den gleichen Weg ein Vielfaches des Preises, den er auf der Hinfahrt kassiert hatte. Prompt fiel der Yogi aus seiner Wolke der Friedfertigkeit und verstrickte sich in eine heftige Diskussion. Merke: Es ist oft der Alltag, der uns dazwischenkommt und der den Funken der Freundlichkeit im Keim erstickt.

Freundlich? Kann ich.

Demzufolge ist es auch der Alltag, der ein spannendes Lernumfeld bietet. Denn online wie offline gilt: Ein bisschen mehr Freundlichkeit geht fast immer, dann klappt es auch mit den Mitmenschen. Zumindest mit vielen.

  • Von Mensch zu Mensch

    Im Alltagsstress vergessen wir einiges. Manchmal sogar, dass unsere Mitmenschen auch Menschen sind. Menschen, mit ihren eigenen Sorgen und Nöten. Seitdem ich mir das immer wieder vergegenwärtige, nehme ich weniger persönlich. Wenn ich mir keiner Schuld bewusst bin, beziehe ich ein unfreundliches Gesicht oder eine unhöfliche Reaktion seltener auf mich und lasse die Unfreundlichkeiten dort, wo sie hingehören: Bei meinem Gegenüber.

  • Ratschläge sind auch Schläge

    Besonders dann, wenn sie ungebeten und mit besserwisserischer Attitüde serviert werden. Niemand wird gerne belehrt oder kritisiert – schon gar nicht vor Zuschauern. Wer ständig mit „guten“ Ratschlägen um sich wirft oder mit als Feedback verpackter Kritik hausieren geht, macht sich wenig Freunde. Das soll nicht heißen, dass wir nun schmeicheln oder lügen müssen. Aber wenn unser Ratschlag nicht erbeten wird und keine lebensbedrohliche Situation vorliegt, dann dürfen wir auch mal schweigen.

  • Schweigen ist Gold. 

    Es mag sein, dass uns das Castingshow-Zeitalter diesbezüglich ein wenig verdorben hat. Für die Quote wird den Protagonisten ständig an den Kopf geknallt, was andere von ihnen halten. Der fieseste Kommentar erntet die meisten Lacher. Da wird bewertet, beurteilt und verurteilt. Das ist – Überraschung – keine Strategie fürs wahre Leben. Entgegen landläufiger Meinungen ist es auch kein Zeichen von Aufrichtigkeit oder Authentizität, wenn wir ständig mit unserer Meinung hausieren gehen. Oft ist es lediglich ein Ausdruck mangelnden Taktgefühls und nicht vorhandener Feinfühligkeit. Ist keine Meinungsäußerung erforderlich und hat uns niemand um unsere Meinung gebeten, dürfen wir getrost schweigen. Auch wenn’s schwer fällt.

  • Dem Ärger Luft machen

    Manchmal gebietet es die Freundlichkeit, etwas zu unterlassen. Das gilt besonders in Situationen, in denen wir unserem Ärger (ob berechtigt oder nicht) Luft machen wollen. Es mag für einen Moment befreiend sein, unserem Gegenüber mal so richtig den Marsch zu blasen – viel zu gewinnen gibt es dabei allerdings nicht. Im schlimmsten Fall machen wir uns so einen Feind fürs Leben. Selbst berechtigter Ärger wird besser so verpackt, dass unser Gegenüber nicht reflexartig die Verteidigungshaltung einnimmt und uns – ohne Gesichtsverlust – einen Schritt entgegenkommen kann.

Freundlichkeit ist keine Einbahnstraße

Das soll keine Aufforderung sein, den anderen ihre Unfreundlichkeiten einfach so durchgehen zu lassen und stets gute Miene zum unhöflichen Spiel zu machen. Aber vielleicht behalten wir einfach im Hinterkopf, dass wir wohl alle gerne wertschätzend und freundlich behandelt werden wollen. Und dass gerade die, die am schlimmsten granteln, unsere Freundlichkeit am nötigsten haben. Eingedenk der einleitenden Worte von Daphne du Maurier lohnt es sich vielleicht, wenn wir hin und wieder mit gutem Beispiel vorangehen und freundlich sind. Einfach so. Die Zähne können wir dann ja immer noch zeigen.

Fotocredits: iStock.com/adrian825


Online-Beratung durch Psychologen


Martina Amon

Mag. Martina Amon

Klinische Psychologin und Gesundheitspsychologin

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