Besser leben - Sabine Otremba

Leben mit Hochsensibilität

Wer an Hochsensibilität „leidet“, nimmt alltägliche Sinnesreize stärker wahr als andere. Das ist Segen und Fluch zugleich. Das alltägliche Leben kann zwar besonders facettenreich und tiefgründig sein. Zugleich werden hochsensible Menschen jedoch auch schneller zu Außenseitern, weil ihr Verhalten bei weniger sensiblen Menschen für Kopfschütteln sorgt.

Gibt es die Hochsensibilität überhaupt oder ist es nur eine Modeerscheinung?

Eine, wie böse Zungen behaupten, wohlklingende Ausrede für neurotische Zeitgenossen, die einfach nur zu empfindlich sind? Darüber lässt sich trefflich streiten. An Elaine Aron kommt dabei allerdings niemand vorbei, denn das Thema Hochsensibilität ist untrennbar mit der US-Psychologin verbunden. Selbst hochsensibel schrieb sie 1996 das Buch: „The Highly Sensitive Person“. Das Buch erscheint mittlerweile in der 10. Auflage und das, obwohl sich Wissenschaftler uneins darüber sind, ob es so etwas wie die Hochsensibilität überhaupt gibt. Die wissenschaftlichen Grundlagen sind diesbezüglich noch recht dünn. In der Praxis wird allerdings kaum jemand bestreiten, dass es Menschen gibt, die auf sensorische Reize feinfühliger reagieren als andere.

Wie Hochsensibilität auf andere wirkt

Für Hochsensible kann diese erhöhte Reizempfindlichkeit immens belastend sein. Weniger Empfindsame stehen diesen „dünnhäutigen Wesen“ oft kopfschüttelnd gegenüber und versehen sie mit wenig schmeichelhaften Etiketten. Etwa:

  • ängstlich
  • introvertiert
  • kompliziert
  • nervös
  • schüchtern
  • schwierig
  • übertrieben emotional
  • verschlossen
  • verwöhnt oder verweichlicht
  • wenig belastbar

Hochsensible sind, wie unsensible Zungen behaupten, einfach zu „zart besaitet“. Und das trifft in gewisser Weise sogar zu, weil das Gehirn bei einer Hochsensibilität anders arbeitet.

Wie sich Hochsensibilität auswirkt

Vereinfacht ausgedrückt sind während der Informationsverarbeitung bei Hochsensiblen mehr Hirnregionen aktiv, was sogar im Hirnscan nachweisbar ist. Und diese tiefergehende Art der Informations- und Reizverarbeitung führt dazu, dass sich hochsensible Menschen schneller überreizt und überfordert fühlen. Verständlich, denn:

  • Ihre Wahrnehmung ist feiner und sensibler, deshalb registrieren sie auch noch so kleine Details.
  • Sie sind sehr empathisch und haben ein Gefühl für Zusammenhänge, deswegen nehmen sie auch Stimmungen und Zwischentöne wahr.
  • Sie nehmen nicht nur ihr Umfeld intensiver wahr, sammeln also mehr Informationen als andere, die sie wie ein Schwamm aufsaugen, sondern denken auch intensiver darüber nach.

All das klingt per se nicht schlecht – führt aber in einer Welt, die schon für nicht-hochsensible Menschen eine Herausforderung ist, schnell zur Reizüberflutung und Erschöpfung. Das kostet Freude, Leichtigkeit, Humor, Selbstwertgefühl und Energie und hinterlässt nicht selten einen verzweifelten, frustrierten und gestressten Hochsensiblen. Der sich immer mehr in sich zurückzieht und nur noch seine Ruhe haben will, weil ihm alles zu viel wird. Und der sich wieder einmal unzulänglich fühlt oder sich fragt, was mit ihm nicht stimmt.

Die Hochsensibilität erkennen und anerkennen

Erschwerend kommt hinzu, dass das, was Hochsensible stresst, für andere ganz normal ist. Oder sogar für Spaß und Abwechslung steht. Wie etwa ein Besuch im Café, ein Kinobesuch, eine Party oder ein Shoppingbummel. Die Mixtur aus Geräuschen, Gerüchen, Berührungen und anderen Eindrücken bringt einen hochsensiblen Menschen schnell an seine Grenzen. Sogar ein schlichtes Treffen mit Freunden kann kräftezehrend wirken, was das Miteinander zwischen Hochsensiblen und nicht-hochsensiblen Menschen nicht leichter macht.

Nachvollziehbar, dass sich Hochsensible oft unverstanden fühlen. Was immer sie zu geben scheinen – es ist nie genug. Für manche Menschen ist die Beschäftigung mit dem Thema Hochsensibilität daher eine Offenbarung. Bisher fühlten sie sich stets „verkehrt“ und „irgendwie anders“. Brachten eine immense Kraft auf, um „normal zu sein“ und „dazuzugehören“. Und nun fällt plötzlich alles an seinen Platz. Sie sind weder „komisch“ noch müssen sich „nur noch ein bisschen mehr anstrengen, um dazuzugehören“. Sie sind völlig normal. Nur eben hochsensibel. Deshalb reagieren sie auf manche Dinge so, wie sie es tun. Das ist nicht besser oder schlechter, es entspringt lediglich ihrer Hochsensibilität.

Hochsensibilität ist keine Krankheit

Elaine Aron betont immer wieder, dass Hochsensibilität keine Krankheit ist, sondern ein Persönlichkeitsmerkmal. Und dieses Persönlichkeitsmerkmal gilt es anzunehmen, zu verstehen und im Alltag damit umzugehen. Problematisch ist es, wenn sich empfindsame Menschen ihre Hochsensibiltät wie ein Etikett an die Stirn heften und fortan ständig darauf verweisen. In manchen Internetforen werden krude Theorien gesponnen und der vermeintliche Makel ins Gegenteil verkehrt. Hochsensibilität ist plötzlich gleichbedeutend mit Hochbegabung und alle, die nicht hochsensibel sind, sind ohnehin nur grobe Klötze.

Sinnvoll ist es, die Hochsensibilität anzuerkennen. Und das Leben – so weit möglich – danach auszurichten, dass es mit diesem Persönlichkeitsmerkmal harmoniert. Dazu gehört natürlich auch das Zusammenspiel mit nicht-hochsensiblen Menschen. Nicht nur, weil sie in der Überzahl sind. Sondern auch, weil sich Gegensätze nicht nur anziehen, sondern auch ganz wunderbar ergänzen können.

Fotocredit: (c) iStock.com/soup_studio


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Mag. Laura Stoiber

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