Mentale Gesundheit - Annette Wallisch-Tomasch (Instahelp)

Expertentipps für die Weihnachtszeit und den Jahreswechsel

Wie schafft man es, trotz Weihnachtsstress die Beziehung nicht zu vernachlässigen?

Warum sollte es mit Weihnachtsstress anders sein als mit dem „ganz normalen Wahnsinn“ unter dem Jahr? Jede Form von Stress bedeutet gefordert bzw. zweitweise überfordert zu sein.

Da hilft nur eines: Reduktion! Prioritäten setzen. Gut überlegtes Zeitmanagement. Ziele definieren. Und Kompromisse schließen. Vor allem: Offen darüber sprechen und gemeinsam Vereinbarungen treffen. Und das Wichtigste: sich dann daran halten! Wenn ich weiß, dass mein Partner das Wochenende arbeiten muss, wir aber die Woche darauf einen Abend für uns haben werden, werde ich leichter entgegenkommen können. Schön, wenn beim Date dann der Laptop wirklich aus bleib.

Es geht aber auch noch anders: wie wäre es, den erlebten Stress auf zwei Personen aufzuteilen? Stichwort Arbeitsteilung bei allem Aufwand rund um das schönste Fest des Jahres. Dazu braucht es ein klares Skript der (meist weiblichen) Hand im Haus, um gut delegieren zu können (Achtung, Lernfeld!). Und es braucht Mut, auch mal Abstriche zu machen, wenn der/die andere die vorgestellten Ergebnisse nicht so erreicht wie selbst geplant. Weniger ist mehr!

Eine ganz andere Tapete ist der soziale Stress in den Weihnachtstagen: Familienbedürfnisse (nicht selten ein Jahr aufs Eis gelegt) die dann gestillt werden wollen, und so dem Partner Zeit und Aufmerksamkeit rauben. Hier helfen deals und Vereinbarungen. Und auch hier: Abstriche. Muss „sie“ wirklich dabei sein, wenn „er“ mit Vater den obligaten Weihnachtspaziergang macht? Nein, sie darf mit ihrer alleinstehenden Freundin gern den Christmas-tea einnehmen. Um dann gemeinsam, mit der gewonnenen Zeit, doch drei Stunden früher aufzubrechen zum verlängerten Wochenende da solo. So nach dem Motto: Raum geben und wieder gemeinsamen Raum finden.

Was sind die größten Herausforderungen für (partnerschaftliche) Beziehungen in der Weihnachtszeit und wie gehe ich damit am besten um?

Da gibt es eine Liste von Herausforderungen, die bewältigt werden möchten.
Im Vorfeld zum Fest ist das Thema Schenken gerne Streitthema: Die Geschenke-Logistik fordert viel Zeit für Erledigung, Absprachen und Entscheidungen, die nervenaufreibend sein können. Fragen wie: „Was brauchen meine Kinder wirklich?“, “Hast du nicht letztes Jahr deinen Eltern auch schon einen Theatergutschein geschenkt?“ oder „Warum wünscht du dir eigentlich nie was?“, lösen gerne hitzige Debatten und Grundsatzdiskussionen aus. Wenn dann noch finanzielle Schwierigkeiten den Alltag ohnehin schon belasten, ist der Supergau nicht weit.
Nicht umsonst steigen viele Familien auf schenkfreies Weihnachten oder das bekannte „Wichteln“ um, um diesen Aufwand zu reduzieren.

Der vermehrte Arbeitsaufwand rund um den Haushalt ist ein weiterer Stolperstein, den wir uns selbst vor die Füsse legen: Erwartete Perfektion im Haushalt und nicht zu übertreffende Kulinarik sind Erwartungen, die automatisch zu Leistungsdruck führen.

Das optimale Zeitmanagement in Sachen „meet and greet“ für die dichten Feiertage fordert Paaren dann schließlich alles ab. Es ist eine Glanzleistung, alle geliebten Personen innerhalb dieser wenigen Tage zu sehen und mit ihnen sogar zu kommunizieren (!). Wenn dann noch ungelöste familiäre/freundschaftliche Konflikte dazukommen, werden gemeinsame, zwangsverordnete Treffen zur massiven emotionalen Prüfung.

Die gute Nachricht? Auch ein völlig vermasseltes Fest kann Gutes hervorbringen: Nämlich den Anlass, endlich einmal Liegengebliebenes zu klären. Fernab von der realitätsfernen Weihnachtsromantik dürfen Dinge offenbart und ausgesprochen werden. Nämlich, dass jeder andere Erwartungen hat. Jetzt ist die Chance, alte Regeln neu zu schreiben, und in der Paarbeziehung einen bewusst selbst gewählten Stil zu beschließen.

Wie dann? Gemeinschaftsgeschenke statt Massenwahn, Nudelpfanne statt Truthahn, gemeinsames Putzen statt alleine verzweifeln, eine Stunde früher das Familientreffen verlassen anstatt die Explosion abzuwarten … da geht doch noch was!
Mach neu!

Wie kann ich dafür sorgen, dass ich mich vom Partner / der Partnerin nicht zu sehr unter Druck setzen lasse / stressen lasse?

Da geht es klar um Erwartungen. Und die gehören ein für alle Mal geklärt. Am besten vorgestern. In einem Gespräch. Und mit glasklaren Statements zwischendurch. Hinter den Erwartungen stehen versteckt und gut kaschiert eigene Bedürfnisse. Und die sind deshalb so verhüllt, weil sie einen schwach fühlen lassen. Wenn ich ein Bedürfnis habe, brauche ich ja etwas. Wie peinlich. Sicherheit zum Beispiel, Vertrautheit. Stattdessen greifen wir zu Formulierungen wie „das muss so sein“, „das war schon immer so“. Nichts muss sein.

Wenn ICH etwas möchte, weil es mir gut tut, dann darf ich es so sagen.
Oder tut es mir gar nicht gut? Dann ist es kein Bedürfnis, sondern eine zwanghafte Fixierung. Weil, wenn der Christbaum schief steht, dann hat Papa immer geschimpft. Und das hat Angst ausgelöst. Angst, die mir immer im Nacken sitzt, wenn ich etwas nicht perfekt mache. Hinter dieser Fixierung steckt oft das Bedürfnis „Ich möchte angenommen sein, wie ich bin“. Und das gilt es mühevoll auszugraben. Wo könnte man das besser, als in einer liebevollen Beziehung?

Wie kommuniziere ich meinem Partner / meiner Partnerin am besten, dass ich überfordert und gestresst bin?

Wenn ich mitteilen möchte, dass ich überfordert bin, setzt das voraus, dass ich es selbst erkenne und mir eingestehen kann. Das ist der erste, schwierige Part. Dann folgt die Überwindung, es vor anderen zuzugeben. Die goldene Regel bei kritischen Gesprächen ist nach dem Prinzip der deeskalierenden Kommunikation vorzugehen:

  • Vor dem Gespräch: Ich spüre meinen Gefühlen nach und überlege, was dahinter steckt (ja, Vorbereitung ist die halbe Arbeit!)
  • Ich schildere meine Sicht der Dinge als MEINE Wahrnehmung (beschreiben statt bewerten)
  • Ich teile meine Gefühle mit, die dabei empfinde und beschreibe mein Bedürfnis. Das was ich brauche.
  • Ich formuliere eine Bitte, wie meine bessere Hälfte entgegenkommen könnte.

Und jetzt? Ich höre, das was der/die andere sagt. Ich akzeptiere die andere Wahrnehmung und versuche mich hineinzuversetzen. Ich sehe die Bitte als Geschenk mit Bastelanleitung und mache mich ans Umsetzen. Und das im gegenseitigen Sinne.

Was kann ich tun, damit der Jahresanfang ein positives Ereignis ist, obwohl ich mit vielen Dingen in meinem Leben nicht zufrieden bin und vieles eigentlich ändern möchte (Stichwort realistische Ziele etc.)?

Der Jahreswechsel ist eine gute Zeit für eine Bilanz. Ein Anlass, der auch Angst auslöst. Vor allem, wenn wir glauben, uns bewerten zu müssen. Habe ich versagt? Habe ich genug geschafft? Vom Schulischen geprägt, glauben wir, uns eine Note geben zu müssen. Und der nette Gesellschaftsdruck, der besagt, immer und überall gut zu performen.
Nix da.

Jetzt ist es Zeit, Danke zu sagen. Für alles, was gelungen ist. Momente, wo es überraschende, positive Wendungen gab. Wo sich Unheil verringert hat (es geht nicht immer nur um Schmerzfreiheit). Wo ich Klarheit gewonnen habe. Wo ich eine Entscheidung treffen konnte. Erinnerungen, was für schöne Begegnungen ich hatte. Welche neuen Eindrücke ich gewonnen habe.

Es lohnt sich auch, den Kalender durchzublättern und dann staunend festzustellen, was ich in diesem Jahr alles erledigt habe. Sich selbst Anerkennung und ein Schulterklopfen zu spenden, das kann schon was. So eine Reise durch das Jahr zeigt mir auf, womit ich mich befasst habe.

Und wenn ich dabei einen Schmerz verspüre, weil ich weiß, dass ich etwas Wichtiges nicht gelebt habe? Dann ist die Zeit reif für Entscheidungen und Beschlüsse. „Nächstes Jahr arbeite ich weniger und achte mehr auf meine Erholung “, sind so nette Vorsätze. Zahnlos, wenn es keine konkreten Aktionen dazu gibt. Klare Statements beim Arbeitgeber (oder bei sich selbst, wenn selbstständig), Anmeldungen im Fitnessstudio, Probesingen im Chor, Absprachen mit Familie und PartnerIn. Auch das darf mit Vorfreude geplant werden.

Ich darf aber auch etwas loslassen, wenn mir dieses „Wichtige“ seit Jahren davonzulaufen scheint. Dann darf ich hinterfragen, ob es denn für mein Leben wirklich so überlebensnotwendig ist. Wenn der/die ideale PartnerIn nicht auftaucht. Wenn ich es „nie schaffe“, trotz guten Vorsätzen meinem Hobby nachzugehen. Dann tut es gut, diese fixe Idee, es schaffen zu müssen, einmal sein zu lassen. Andere Wege? Sich ein Haustier anschaffen, sich ehrenamtlich betätigen. Sich selbst gut genug zu sein. Oder die unverplante Zeit faulenzen. Das Paradoxe dabei: Diese gewonnene Freiheit macht neue Dinge möglich. Und wahre Herzenwünsche finden dann ihren (unberechenbaren) Weg zu mir.

Nach dem Weihnachtstrubel ist der Jänner oft eine sehr einsame Zeit, da viele mit sich selbst und der Familie beschäftigt sind, Alleinstehende dann aber eben sehr auf sich alleine gestellt sind. Wie geht man damit am besten um?

Weihnachten ist das Fest der Familie, das steht fest. Alleinstehende Menschen ohne Familie leiden während und nach der Weihnachtszeit besonders. Diese Einsamkeit gilt aber nicht nur für das Weihnachtsfest, sondern für alle Sonntage im Jahr.

Jeder Single hat selbst eine Herkunftsfamilie. Die soll er pflegen, so gut es geht. Und so viel es sich lohnt, ohne vergeblich Traumschlösser zu bauen. Familie ist auch dafür da, andere Mitglieder „aufzufangen“. Eigentlich. Und besonders in diesen Tagen.

Und wenn nicht? Da gilt dasselbe wie unter dem Jahr: Andere Kontakte und Interessen pflegen! Neujahrsveranstaltungen, auf die man oder frau alleine gehen kann, gibt es zuhauf (Konzerte, Bälle etc.). Hobbies, die in den Urlaubstagen endlich ausgelebt werden können. Es gibt keinen Grund, sich einzuigeln. Außer, Rückzug tut mal gut.

Gerade um den Jahreswechsel spielen Freunde eine wichtige Rolle. Während Kinderlose sich gut und gerne länger feiernd herumtreiben können, vereinbaren befreundete Paare auch mal Silvesterparties mit einem gemeinsamen Schlaflager für die Kinder.

Freunde, die unterm Jahr für mich da sind, werden es auch gerne weiterhin sein. Außer sie sind auf Skiurlaub. Mitfahren keine Option? Mist.

Das stellt sich mir die Frage: Für wen bin ICH eigentlich da? Gibt es jemanden, dem es noch „dreckiger“ geht als mir? Drehen wir den Spieß um – raus aus dem Opferdenken!

 
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