Besser leben - Sabine Otremba

Nein sagen? Kann man lernen.

Für die meisten von uns ist sie schon länger her, die Zeit, in der wir nach Herzenslust Nein sagen konnten. Die Rede ist von der Trotzphase, in der wir deutlich und unmissverständlich geäußert haben, was uns gefällt und worauf wir keine Lust haben. Ich selbst kann mich an diese Zeit nur noch vage erinnern. Stets präsent sind allerdings die Vorurteile, die mit dem Neinsagen einhergehen. Wer Nein sagt, gilt als egoistisch, schwierig, fordernd, unsympathisch und unkooperativ. Kurz: Neinsager kann niemand so richtig leiden.

Die Angst vor dem Nein

Kein Wunder, dass sich viele von uns mit dem Ja sehr viel leichter tun. Auch wenn es bedeutet, dass wir trotz Zeitnot mal wieder unseren berühmten Apfelkuchen backen, „weil der doch so lecker ist“. Oder unser freies Wochenende mit diversen Hilfsleistungen für Bekannte zupflastern, „weil wir doch immer so hilfsbereit sind und sonst niemand mit anpacken kann“. Nichts gegen ein ehrliches, von Herzen kommendes Ja.

Problematisch wird es, wenn dem Ja andere Ursachen zugrunde liegen.

 
Etwa:

  • Die Angst vor Kritik oder Ablehnung oder anderen damit einhergehenden Konsequenzen.
  • Die Befürchtung, etwas zu verpassen.
  • Das Gefühl, dass niemand sonst die Dinge so gut erledigen kann.
  • Der Wunsch, Everybody’s Darling zu sein.
  • Das Bedürfnis, anderen zwanghaft helfen zu müssen (Helfersyndrom).

5 Tricks, die dabei helfen, öfter Nein zu sagen

Ein Ja entschlüpft schnell und machte Freunde – nur uns selbst leider nicht immer Freude. Denn wer ständig Ja zu den Wünschen und Bedürfnissen anderer sagt, kommt selbst irgendwann zwangsläufig zu kurz.

 
Der Ausweg aus diesem Teufelskreis? Einfach mal wieder öfter Nein sagen. Und das kann man lernen:

  • Üben, üben, üben. Es erfordert Übung und einen langen Atem, um von einem Jasager zum Neinsager zu werden. An erster Stelle steht die Erkenntnis, dass es absolut in Ordnung ist, nicht immer Ja sagen zu müssen. Oder anders ausgedrückt: Nein ist ein vollständiger Satz.
  • Nicht sofort antworten oder sich Bedenkzeit erbitten. Weil der erste Antwortimpuls leider viel zu oft zum Ja tendiert. Besser als eine übereilt gegebene Zusage: „Ich sage dir nochmal Bescheid.“
  • Zugeständnisse machen. Was nicht die optimale Lösung ist, aber manchmal sind auf dem Weg vom Ja zum Nein eben Zwischenschritte nötig. Was übertragen auf eingangs erwähnten Apfelkuchen bedeuten kann, dass der eben nicht selbst gebacken, sondern ausnahmsweise gekauft wird. Und wer damit ein Problem hat, darf gerne selbst backen.
  • Die Absage nett verpacken. Manchmal geht das Nein einfach zu schwer über die Lippen und doch kommt ein Ja nicht infrage. Also wird das Nein zu einem: „Dieses Mal schaffe ich es leider nicht, aber beim nächsten Mal gerne, wenn ich es einrichten kann.“ Es versteht sich von selbst, dass das auch so gemeint ist und es nicht beim Lippenbekenntnis bleibt.
  • Alternativen aufzeigen. Eine Zusage ist nicht drin, obwohl Hilfe gefragt ist? Dann wird die freundliche Absage an einen Hinweis darauf gekoppelt, wo stattdessen eine zupackende oder fachkundige Hand zu finden sein könnte.

Nein, es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen

Gerade am Anfang der Verwandlung von einem Ja- zum Neinsager ist es absolut legitim, sich für jedes souverän rübergebrachte Nein wenigstens gedanklich auf die Schulter zu klopfen. Oder sich zu belohnen. Etwa mit einer Runde Sport oder einem gemütlichen Nachmittag auf dem Sofa – und zwar in der Zeit, die sonst für eine ungeliebte, an das Ja gekoppelte Verpflichtung draufgegangen wäre. Und hat sich das Nein im Mund doch noch schnell in ein Ja verwandelt, ist es sinnvoll, sich wenigstens kurz über die Beweggründe Gedanken zu machen. Damit die Antwort beim nächsten Mal anders ausfällt.

Ich selbst habe das Neinsagen durch jahrelanges Üben mittlerweile recht gut verinnerlicht. So gut, dass ich jetzt versuche, einfach mal wieder öfter Ja zu sagen.

Quelle: istockphoto.com/evgenyatamanenko


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