Besser leben - Sabine Otremba

Perfektionismus: Der Mythos vom perfekten Leben

Bis vor einigen Wochen hing an meinem Kühlschrank eine Postkarte mit dem Merksatz „Nicht perfekt ist auch gut.“ Das vergesse ich gelegentlich, denn der besonders in den Medien und den sozialen Netzwerken vorgelebte Perfektionismus geht nicht spurlos an mir vorbei. Das perfekte Leben, so scheint es, ist möglich. Und es irritierte mich, dass es offenbar nicht reicht, nur auf einem Gebiet zu brillieren. Nein, es müssen gleich mehrere sein. Beruf, Partnerschaft und Familie. Selbstredend üben wir dabei nicht nur „irgendeinen“ Job aus, der die Rechnungen zahlt, sondern einen, der uns erfüllt. Am besten folgen wir gleich unserer Berufung und leben unseren Traum. Und selbstverständlich macht auch die Freizeit was her. Wer bei dem Überangebot an kulturellen oder sportlichen Aktivitäten einfach nur ein paar Folgen seiner Lieblingsserie anschauen möchte, wird wohl ein ganz armer Tropf sein. Zumal sich diese Art der Freizeitgestaltung in den sozialen Netzwerken nicht besonders gut macht.

Perfektionismus ist salonfähig – aber niemand möchte Perfektionist sein

Es ist ja nicht so, dass Perfektionismus eine Erfindung der Neuzeit ist – es gab ihn schon immer. Aber er hat sich gewandelt. Vor einigen Jahren schien es durchaus legitim zu sein, sich für eine Sache richtig ins Zeug zu legen und das auch zuzugeben. Sportler etwa, die vor ihrem Wettkampf erzählten, was für ein Training sie auf sich genommen hatten. Und heute? Gibt es Showmaker Usain Bolt, der lässig und scheinbar mühelos ein Erfolgserlebnis nach dem nächsten einläuft. Was lerne ich daraus? Der Perfektionismus ist zwar weiterhin allgegenwärtig – aber Perfektionisten mag niemand. Ebenso wichtig wie das Ergebnis ist diese gewisse Lässigkeit, mit der man zu Höhenflügen ansetzt. Unsere Anstrengungen sind nicht der Rede wert – uns fällt alles in den Schoß. Oder, wie es so schön heißt: Never let them see you sweat.

Der alltägliche Perfektionismus beschäftigt sogar Forscher

Psychologin Dr. Christine Altstötter-Gleich (Uni Koblenz-Landau) beschäftigt sich mit der Perfektionismus-Forschung und sie stellt fest, dass wir andere Menschen zunehmend nach verschiedenen Leistungskriterien bewerten. Sehen sie gut aus? Sind sie sportlich? Was für einen Job üben sie aus? Wir bewerten – und haben dadurch natürlich selbst immer öfter das Gefühl, Höchstleistungen erbringen zu müssen. Schließlich wollen wir nicht durchs Raster fallen. Gleichzeitig verschwinden die Nischen, in die sich all jene zurückziehen können, die diesen Maßstäben nicht mehr genügen. Der Druck, immer perfekter zu werden, steigt. Ein Teufelskreis. Doch wofür? Sheryl Sandberg, die Facebook Geschäftsführerin, die Karriere und Familie vereint schreibt in ihrem Buch:

„Wenn man alles haben will und erwartet, „alles“ auch noch perfekt hinzubekommen, ist die Enttäuschung vorprogrammiert.“ [1]

 
Ernüchterndes von einer Frau, die gemäß der Leistungskriterien doch ein ziemlich perfektes Leben zu führen scheint. Auch Gloria Steinem (US-amerikanische Feministin, Journalistin und Frauenrechtlerin) sagt:

„Alles geht nicht. Kein Mensch kann zwei Vollzeitjobs machen, perfekte Kinder haben, drei Mahlzeiten am Tag kochen und bis zum Morgengrauen multiple Orgasmen haben… Superwoman ist die Gegenspielerin der Frauenbewegung.“ [2]

 

Perfektionismus? Ohne mich

Vielleicht nicht verwunderlich, dass die eingangs erwähnte Postkarte aus einem so genannten „Mindstyle-Magazin“ stammt. Einem Wohlfühl-Magazin mit einer beachtlichen Auflage, in dem Entschleunigung , Achtsamkeit und Minimalismus als neuer Lifestyle vermarktet werden. Ein Gegenentwurf zu der Welt, in der sich alles um den Perfektionismus dreht, der immer mehr Menschen zu schaffen macht. Auch mir. Der Weg, sich selbst einzugestehen, dass „nicht perfekt auch gut“ ist, dürfte unter dem medialen Dauerbeschuss von perfekten Stolpersteinen gepflastert sein und eine Postkarte wird da auch nicht reichen. Aber ich bleibe dran. Und wenn mein Perfektionismus mal wieder die Überhand gewinnt, dann erinnere ich mich an einen Satz von ldikó von Kürthy: „Es ist ein schlimmes Laster unserer Zeit, dass wir glauben, wir dürften nicht so bleiben, wie wir sind.“ [3] Traurig. Was für eine sinnlose Verschwendung von Lebenszeit und Lebensfreude. Und ein fragwürdiger Luxus, den ich mir nicht länger leisten möchte.

 

Quelle:
[1+2] „Lean in“ (ISBN-13: 978-3548375496) von Sheryl Sandberg, Ullstein Verlag
[3] „Neuland“ (ISBN-13: 978-3805250863 ) Ildikó von Kürthty, Wunderlich Verlag

Fotoquelle: (c) iStock.com/SerrNovik


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Annette Wallisch-Tomasch

Mag. Dr. Annette Wallisch-Tomasch

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