Besser leben - Sabine Otremba

Schönheit – warum wir schöner sind, als wir glauben

Was ist Schönheit? Lässt sich über Geschmack streiten oder gilt nur das als schön, was uns die Medien als schön verkaufen? Es scheint fast so und das ist tragisch, denn noch nie wurden wir permanent auf allen Kanälen mit so viel Schönheit konfrontiert. Ob Zeitschrift, Fernsehen oder Social Media – Schönheit lauert überall. Nicht mal das Wartehäuschen an der Bushaltestelle taugt zum Verschnaufen, denn auch dort wartet garantiert die nächste, großformatig plakatierte Schönheit auf uns. Das bleibt nicht ohne Folgen, denn angesichts all dieser Schönheiten fühlen wir uns plötzlich hässlich.

Schönheit ist machbar

Christiane Zschirnt hat für ihr Buch „Wir sind schön“ Gespräche mit verschiedenen Frauen geführt und alle gaben zu, sich durch den Zwang zur Schönheit unter Druck gesetzt zu fühlen. Für viele Frauen war das sogar gleichbedeutend mit einer Einschränkung der Lebensqualität. [1] Kein Wunder, wenn die ersten Sonnentage im Frühling nicht mehr für Spaß und Leichtigkeit stehen, sondern eine Mahnung sind, den Körper schnell mit Sport und Diät in Form zu bringen. Und vor dem Griff zum leichten Kleid doch gefälligst erst ein wenig Selbstbräuner für den perfekten Bräunungsgrad aufzulegen. Christiane Zschirnt schreibt:

“Wenig verunsichert die gestandene Powerfrau so sehr wie die Befürchtung, nicht gut auszusehen. Nichts kränkt das Alphamädchen so sehr, wie in den Verdacht zu geraten, nicht sexy zu sein. Kaum etwas setzt der “starken Frau” so stark zu wie ein sichtlich geblähter Bauch.” [1]

 

Doch was ist ein Blähbauch verglichen mit Falten, nachlassendem Bindegewebe oder Körperteilen, die nicht der Schönheitsnorm entsprechen? Nur gut, dass es Cremes, kostspielige Beautybehandlungen oder zur Not auch das Skalpell gibt, um der Schönheit auf die Sprunge zu helfen. Und das ist wohl nötig, weil der schöne Schein immer wichtiger wird.

Schönheit als Leistung

Laut Trendforscherin Europa Bendig steht die Forderung, schlank und gestylt zu sein, in der Schönheitshierarchie ganz oben. Der Grund dafür ist einfach:

“Heute ist ein dicker Bauch Ausdruck falschen Konsumverhaltens falscher Lebensweise, falscher Entscheidungen, mangelnder Kontrollfähigkeit und damit mangelnder Managementfähigkeiten.“

 
So schreibt Waltraud Posch in „Projekt Körper“. [2] Wer einer bestimmten Gesellschaftsschicht angehören möchte, kommt also nicht umhin, sich den dort geltenden Schönheitsmaßstäben anzupassen. Ernüchternd: Die Akzeptanz gegenüber unvollkommenen Körpern schwindet, so Waltraud Posch.

Unerreichbare Schönheit

Je schöner, desto besser. Dumm nur, dass das, was wir mittlerweile für schön halten, weil wir es für schön halten sollen, nicht mehr viel mit der Realität zu tun hat.

  • Irreführende Idealbilder: Die Messlatte für Schönheit liegt dank Bildbearbeitung und ästhetischer Chirurgie nicht nur unerreichbar hoch, der zum Ideal stilisierte Körper ist für Normalsterbliche auch unerreichbar. Beim begehrten, mittels Bildbearbeitung optimierten „Tits on Sticks“-Look sitzt der weibliche und vollbusige Oberkörper auf einem extrem schmalhüftigen Unterkörper, der in etwa dem Entwicklungsstand eines zwölfjährigen Jungen (exklusive äußerer Geschlechtsmerkmale) entspricht. [3]
  • Bambi-Effekt: Das ideale Gesicht strahlt Reife und Kindlichkeit zugleich aus. Wenig überraschend schnitten in Tests die Gesichter als besonders attraktiv ab, denen ein „Kindchenanteil“ von 10 – 50 Prozent beigefügt wurde. Ein Gesicht, das so in der Realität nicht zu finden ist.
  • Perfekte Haut:Selbst die besten Make-up-Artists werden am lebenden Objekt nie eine so ebenmäßige Haut vortäuschen können, wie es ein Computerprogramm schafft. Kunststück, denn beim Morphing werden künstlich erzeugte Gesichter mehrmals übereinander gelegt. Heraus kommen Gesichter, die wir als schön empfinden. Und die zu schön sind, um wahr zu sein.

Normale Schönheit hat das Nachsehen

Unter dem Dauerbeschuss perfekt retuschierter und in Szene gesetzter Schönheiten wirkt die normale Frau plötzlich unattraktiv. Also wird sie alles daran setzen, einem unerreichbaren Ideal nahezukommen. Vergeblich.

„Die Chance eines jungen Mädchens, so auszusehen wie ein mit Photoshop bearbeitetes Topmodel, liegt bei etwa 0,1 Prozent.“[3]

 

Wie wahrscheinlich ist es da wohl, dass eine erwachsene Frau so aussieht? Nichtsdestotrotz vergleichen sich unzählige Frauen wider besseren Wissens mit irreführenden Idealbildern. Um stets den Kürzeren zu ziehen.

Schönheit – zwischen Schein und Sein

Obwohl wir wissen, dass die computeroptimierte oder von chirurgischer Hand verfeinerte Schönheit nicht echt ist, wird sie unsere Wahrnehmung verändern. Weil wir nicht verhindern können, dass wir beispielsweise eine Toleranz gegenüber gebotoxten und gelifteten Gesichtern entwickeln werden. Sagt zumindest Arzt und Autor Ulrich Renz. Schwere Zeiten für normale Schönheiten? Nicht unbedingt.

Trendforscherin Bendig prophezeit, dass Ausstrahlung, Persönlichkeit und Charakter in Zukunft wichtiger werden als ein Äußeres, das einem bestimmten ästhetischen Ideal entspricht. [3] Das lässt doch hoffen. Vielleicht setzt sich endlich die Erkenntnis durch, dass eine perfekte Fassade nicht genug ist und dass wahre Schönheit nicht nur von innen kommt, sondern auch voller Leben ist. Und das Leben hinterlässt nun mal Spuren. Sorgen wir dafür, dass es Lachfältchen sind und keine Frustfalten, weil wir uns zu oft mit unerreichbaren Idealen verglichen haben.

Quellen:
[1] Christiane Zschirnt, „Wir sind schön: Plädoyer für eine gelassene Weiblichkeit“
[2] Ildikó von Kürthy, „Neuland“
[3] Rebekka Reinhard, „Schön!“

Fotoquelle: iStock/RuslanGuzov


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