Besser leben - Sabine Otremba

Schüchternheit: Nur nicht auffallen

Mache ich mich lächerlich? Sage ich etwas Falsches? Was denken die Leute über mich? Für Menschen, die sich mit Schüchternheit herumschlagen, sind Gedanken wie diese allgegenwärtig. Und das macht das Leben unglaublich schwer.


Schüchternheit zeigt sich oft schon in der Kindheit. Und zwar ab dem Zeugnis der 1. Klasse, in dem es (so oder so ähnlich) heißt: „Sabine sollte lernen, sich aktiv am Unterrichtsgespräch zu beteiligen.“ Sabine lernte in den kommenden Jahren einiges, nur die aktive Beteiligung am Unterrichtsgespräch, die lernte sie trotz wiederholter Ermahnungen nicht. Ebenso gut hätte man einen Dampfplauderer bitten können, doch endlich ein bisschen schweigsamer zu werden. Oder einen Fisch, weniger zu schwimmen und mehr zu fliegen.

Wie Schüchternheit den Alltag zum Hürdenlauf macht

Doch was ist Schüchternheit überhaupt? Der ebenfalls schüchterne Angstforscher Borwin Bandelow definiert sie als die Angst, von anderen Menschen kritisiert oder negativ beurteilt zu werden. So weit, so normal – denn Kritik oder negative Beurteilungen lassen wohl die wenigsten von uns kalt. Leider neigen schüchterne Menschen dazu, diese Angstauslöser zu meiden. Und das beeinträchtigt das Leben massiv. Es sind nämlich ganz alltägliche Dinge, die schüchternen Menschen das Leben zur Qual machen können. Etwa:

  • Ganz normale Gespräche führen: Schüchterne sind weder arm an Gedanken noch an Worten – sie teilen ihr reichhaltiges Innenleben nur nicht mit jedem. Und so sind ihnen nette Plaudereien ein Graus. Sei es der Smalltalk mit den Nachbarn oder die üblichen Gespräche, die ein Besuch in Geschäften oder Restaurants mit sich bringt.
  • Im Mittelpunkt stehen: Wenn es jemanden gibt, der anderen das Bad in der Menge nicht neidet, dann sind es wohl schüchterne Menschen. Denn um nichts in der Welt möchten sie im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen.
  • Die eigene Meinung äußern: Entgegen anderer Behauptungen haben Schüchterne durchaus eine eigene Meinung. Allerdings behalten sie diese lieber für sich, weil sie eben ungerne im Mittelpunkt stehen. Demzufolge tun sie sich auch im Beruf schwer damit, sich in größeren Kreisen zu Wort zu melden oder für sich einzustehen.
  • Kontakte knüpfen: Schüchterne Menschen sehnen sich ebenso nach zwischenmenschlichen Beziehungen wie alle anderen – nur steht ihnen auch da die Schüchternheit im Weg. Und zwar nicht nur beim anderen Geschlecht, sondern auch beim Knüpfen freundschaftlicher Kontakte.

Zicke, Eiskönigin oder einfach nur schüchtern?

Der Alltag zwingt Schüchterne dazu, permanent gegen die eigenen Grenzen anzukämpfen und nicht dem Impuls nachzugeben, sich einfach in die Komfortzone zurückzuziehen. Das ist anstrengend. Weniger schüchterne Mitmenschen reagieren darauf oft mit Unverständnis. Denn: Was soll an einem kleinen Gespräch so schwer sein? Und da wir alle in immer mehr Bereichen eine perfekte Performance hinlegen müssen, ist es natürlich wenig imposant, wenn der schüchterne Mensch über (s)einen Schatten springt, den andere nicht einmal als solchen wahrnehmen. Als wäre es nicht schlimm genug, dass die Meilensteine zurückhaltender Menschen für andere nur Peanuts sind, wird Schüchternen aufgrund ihres Verhaltens schnell ein falscher Stempel aufgedrückt. Sie gelten als:

  • zickig
  • arrogant
  • kühl
  • unnahbar
  • distanziert

Oder aufgrund ihrer Schweigsamkeit sogar als dumm.

Zermürbende Gedankenkreisläufe und Egoismus

Kein Wunder, dass Schüchterne sich unverstanden fühlen oder sich permanent fragen, was mit ihnen nicht stimmt. Ein Teufelskreis. Denn so kreisen die Gedanken schüchterner Menschen zunehmend um sich selbst. Beziehungsweise darum, was andere über sie denken könnten. Etwa:

  • Wird mich diese Person mögen?
  • Hält sie mich für dumm?
  • Falle ich gerade auf?
  • Was ist, wenn ich blöd oder linkisch wirke?
  • Hoffentlich merkt niemand, wie unsicher/nervös ich bin.
  • Warum lachen die anderen? Lachen sie mich aus? Habe ich etwas Blödes gesagt?

So sind Schüchterne – ohne es zu wollen – andauernd damit beschäftigt, über die eigene Wirkung nachzudenken. Was durchaus ein wenig egoistisch anmutet. Und um sich das Leben noch ein bisschen schwerer zu machen, neigen Schüchterne dazu, ihre Fehler und (die vermeintlichen) Unzulänglichkeiten aufzubauschen, wohingegen sie ihre Erfolge kleinreden.

Der erste Schritt aus der Negativspirale

Verständlich, dass der Rückzug in die Komfortzone verlockend zu sein scheint – nur handelt es sich dabei leider um eine Sackgasse und nicht um eine Lösung. Was bleibt? Zuerst: Selbstliebe und Selbstakzeptanz. Schließen wir Frieden mit unserer Schüchternheit, anstatt uns fortwährend dafür zu verurteilen. Akzeptieren wir, dass wir (vorerst) ein bisschen zu schüchtern sind – was nicht heißt, dass wir es auch dauerhaft bleiben müssen, denn Mut im Umgang mit anderen lässt sich trainieren. Und wenn die Schüchternheit mal wieder übermächtig wird, können wir uns Oprah Winfrey zu Gemüte führen. Während ihrer Harvard-Rede 2013 (zu sehen auch auf youtube) sagte sie unter anderem:

I have done over 35,000 interviews in my career and as soon as that camera shuts off everyone always turns to me and inevitably in their own way asks this question “Was that okay?” I heard it from President Bush, I heard it from President Obama. I’ve heard it from heroes and from housewives. […]I even heard it from Beyonce and all of her Beyonceness. She finishes performing, hands me the microphone and says, “Was that okay?” [1]

 

Es ist also zutiefst menschlich und völlig normal, wenn wir hin und wieder an uns zweifeln und uns fragen, ob das gut genug war. Oder ob wir gut genug sind. Die Hauptsache ist, dass wir uns davon nicht in die Knie zwingen lassen und uns in unserem Schneckenhaus verbarrikadieren.

Quelle:
[1] https://news.harvard.edu/gazette/story/2013/05/winfreys-commencement-address/

Fotocredits: iStock.com/Rohappy


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Barbara De Sousa Teixeira

Mag. Barbara De Sousa Teixeira

Klinische Psychologin und Gesundheitspsychologin

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