Besser leben - Sabine Otremba

Weihnachten – Wunsch und Wirklichkeit

Es war einmal ein Weihnachtsfest, das ganz besonders schön werden sollte. Schon in der Vorweihnachtszeit lief ich zu Höchstform auf. In diesem Jahr versammelte sich die Familie zu Weihnachten nämlich an meinem Tisch. Und als Social-Media-affiner Mensch hatte ich selbstverständlich genaue Vorstellungen davon, wie dieser Tisch aussehen sollte.

Quality time und instagramtaugliche Inszenierung

Kurz und gut: „Mein“ Weihnachten sollte zauberhaft werden. Was ein bisschen schwierig wird, wenn man weder Heinzelmännchen noch Hauselfen anheuern kann und auch keinen Zauberstab besitzt. Dazu kommt: Planung ist die eine Sache, die Reaktion derer, für die man plant, eine ganz andere.

  • Kochbücher sind Schnee von gestern – ambitionierte Hobbyköche finden die nötige Inspiration im Internet. Beim nächsten Mal begebe ich mich sicher nicht mehr hungrig auf Rezeptsuche, aber hinterher ist man immer klüger. Unzählige Rezepte schrieen „Probier mich!“, „Lass dich mal auf was Neues ein!“ Liebe geht durch den Magen, also tischte ich großzügig auf – aber eben nicht die Klassiker. Keine Gans, keine Klöße, keinen Rotkohl. Dummerweise hatten meine Lieben für kulinarische Experimente weitaus weniger übrig als ich. Was zu leichten Verstimmungen auf beiden Seiten führte.
  • Im durchgetakteten Alltag rauscht die Zeit oft an uns vorbei und wir haben wenig Zeit füreinander. Dann kommen die Feiertage. Plötzlich steht alles still und es heißt: Gemütliches Beisammensein auf Knopfdruck. Und da saßen wir. Weihnachten, das Fest der Liebe. Endlich Zeit für die in den sozialen Netzwerken so oft beschworene quality time. Doch anstatt lachend und plaudernd miteinander am Tisch zu sitzen und die gemeinsame Zeit zu genießen, verspürte der eine oder andere zwischendurch tatsächlich den Wunsch nach einer kurzen Auszeit . Unter anderem ich. Das schlechte Gewissen folgte auf dem Fuß. Darf man sich zu Weihnachten überhaupt eine kleine Auszeit wünschen?

5 Tipps für entspannte Weihnachten

Es gab noch ein paar weitere Steinchen, die mich aus meiner Wunschvorstellung vom märchenhaft schönen Weihnachtsfest in die Wirklichkeit stolpern ließen. Und plötzlich wurde mir bewusst, dass es schon einen Grund hat, warum der Werbeclip, der uns eine Bilderbuchweihnacht präsentiert, nur wenige Minuten dauert. Unabhängig davon, dass kaum jemand Werbung sehen möchte.

Ich war nicht nur durch die Vorweihnachtszeit gerauscht, ohne innezuhalten. Auch die Feiertage hatte ich lediglich am Reißbrett geplant und mich dabei von unrealistischen Vorstellungen leiten lassen. Holly Golightly sagte in „Frühstück bei Tiffany“ einst „Ich habe dieses Verhalten noch nie ausprobiert, Darling. Woher soll ich wissen, ob ich es mag oder nicht?“ Ein Satz, der mir nachhaltig in Erinnerung blieb. Weil er auch beinhaltet, dass das, was nicht funktioniert, getrost geändert werden darf. Und für entspannte Weihnachten bedeutet das seither für mich:

  • 1. Zeit ist kostbar. Nämlich kostbarer als jedes Geschenk – die von Tiffany & Co vielleicht mal ausgenommen, würde Holly Golightly wohl sagen. Also ist es völlig in Ordnung, sich Gedanken darüber zu machen, wie wir diese Zeit verbringen möchten. Und mit wem.
  • 2. Gibt es einen Sympathiebonus, weil Weihnachten ist? Manche Menschen treffen wir nicht grundlos so selten wie möglich. Über die Feiertage springen wir jedoch oft über unseren Schatten. Ob das nun dem Geist der Weihnacht geschuldet ist oder der Tatsache, dass wir schlicht ein schlechtes Gewissen haben, müssen wir für uns selbst entscheiden. Bewusst entscheiden. Dazu gehört, dass wir uns die Frage beantworten, wem wir unsere Zeit wirklich schenken möchten. Auch auf die Gefahr hin, dass das für Missstimmung sorgt.
  • 3. Rituale und Traditionen hinterfragen. Und zwar ungeachtet dessen, dass sie teilweise schon seit Jahrzehnten dazugehören. Möglicherweise fühlen sich ja auch die anderen schon längst nicht mehr wohl damit, nur fehlt ihnen der Mut, das zuzugeben? Es lohnt sich, Bewährtes immer mal wieder zu hinterfragen und vielleicht neue Rituale ins Leben zu rufen, die für den Moment stimmiger sind.
  • 4. Prioritäten setzen. Und für sich herausfinden, worum es wirklich geht: Um die blitzblank geputzte und traumschön dekorierte Wohnung? Das perfekte Essen? Das liebevolle Miteinander? Worauf auch immer der Fokus liegt – alles andere darf in den Hintergrund rücken und den Platz einnehmen, der ihm gebührt.
  • 5. Das Weihnachtsessen entstressen: Es ist ein hehres Unterfangen, ein Essen auf den Tisch bringen zu wollen, das allen gleichermaßen zusagt. Warum nicht auf Fondue oder Raclette setzen? Gleich ins Restaurant gehen oder das Essen bestellen? Oder ein Buffet ausrichten, zu dem jeder eine Kleinigkeit beisteuert?

Das Fest der Liebe benötigt Freiräume

Fest der Liebe hin oder her – uns steckt ein mehr oder weniger anstrengendes Jahr in den Knochen und gerade der vorweihnachtliche Endspurt ist für viele noch mal eine ganz besondere Herausforderung. Die lichtarme Jahreszeit tut das Übrige, um uns nicht unbedingt kraftstrotzend durch die Gegend hüpfen zu lassen. Es ist also gewissermaßen auch ein Akt der Selbstliebe, wenn wir uns den Freiraum reservieren, den wir benötigen. Weil niemandem damit geholfen ist, wenn wir robotergleich unseren Pflichten nachgehen, ohne wirklich anwesend zu sein. Die, denen wir wichtig sind, werden das verstehen. Und genau das sind auch die Menschen, denen ich meine Zeit schenken möchte.

Fotocredits: iStock.com/A-Basler


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Raphael Duque

Mag. Raphael Duque

Klinischer Psychologe und Gesundheitspsychologe

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