Besser leben - Sabine Otremba

FOMO – Die Angst, etwas zu verpassen

Eine klare Entscheidung für etwas treffen – und somit eine Entscheidung gegen etwas anderes? War noch nie leicht, scheint allerdings immer schwerer zu werden – selbst wenn es dabei „nur“ um die Freizeitgestaltung geht. Mittlereile gibt es sogar eine Bezeichnung dafür: FOMO – fear of missing out. Übersetzt bedeutet dieses Begriffskürzel: Die Angst, etwas zu verpassen. Wahrscheinlich gab es FOMO schon immer, denn insgeheim überlegen wir wohl seit jeher immer mal wieder, ob diese oder jene Entscheidung nun die klügste war. Haben wir uns früher allerdings nur gefragt, ob Freunde und Kollegen das Wochenende wohl aufregender verbringen als wir, sind wir heute dank Social Media jederzeit informiert.


FOMO und das Leben der anderen

Ein Griff zum Smartphone und wir sind mittendrin im aufregenden Leben der anderen. Und fatalerweise haben ebendiese anderen dank Social Media das Bedürfnis, sich und ihre Erlebnisse ins rechte Licht zu rücken – und zur Not noch ein paar Filter drüberzulegen. Selbst wenn wir nicht den Drang verspüren, da mithalten und etwas Besonderes präsentieren zu müssen, geht das nicht spurlos an uns vorbei. Stattdessen hören wir eine leise Stimme, die uns fragt, ob wir wirklich gerade das Beste aus unserem Wochenende herausholen. Vielleicht fragt sie uns auch spöttisch, warum wir mit einem Buch auf der Couch sitzen, während sich der Rest der Clique zum Sport trifft. Der ultimative FOMO-Anfall ist programmiert, wenn wir das Wochenende alleine zu Hause verbringen. Selbst wenn wir diese Entscheidung bewusst und aus gutem Grund getroffen haben, wird uns die Angst, etwas zu verpassen, die ganze Zeit über im Nacken sitzen. Und uns höchstwahrscheinlich das Wochenende gründlich verhageln.

FOMO will nur unser Bestes

Der Angst, etwas zu verpassen, liegt der nachvollziehbare Wunsch zugrunde, stets das Beste für uns herauszuholen. Wir klicken uns auf der Suche nach dem attraktivsten (Sonder)Angebot und dem besten Rabatt durchs Netz. Und in der Freizeit suchen wir konsequenterweise nach dem tollsten Event, dem neuesten Szene-Restaurant und den spannendsten Menschen. Dahinter steckt allerdings nicht nur das verständliche Bedürfnis, die knapper werdende Freizeit optimal zu verbringen. Sondern zunehmend auch der dem Social-Media-Zeitalter geschuldete Druck, sie optimal verbringen zu müssen. Denn was auch immer wir tun oder haben: es darf nicht sinn- oder nutzlos sein. Zeit ist knapp und dementsprechend kostbar, also müssen wir sie entsprechend verbringen. Und darum vertrödeln wir heute auch nicht einfach einen Tag oder schauen auf der Wiese liegend ins Blaue – wir verbringen „Quality Time“.

FOMO und die verlockende Unverbindlichkeit

Der Wunsch, aus allem das Beste für uns herauszuholen, ist durch und durch menschlich, leider birgt er ein Problem: Da wir selten vorher wissen, welche Entscheidung die Beste ist, schleicht sich neben der Angst, etwas zu verpassen, auch noch die Scheu vor Verbindlichkeiten ein. Die Antwort auf die Frage, ob wir am kommenden Wochenende ebenfalls zu der – vermutlich eher semi-aufregenden- Party mitgehen wollen, bleiben wir daher am liebsten erstmal schuldig. Es könnte ja sein, dass noch eine Einladung ins Haus flattert, die sehr viel verlockender ist. Oder die uns wenigstens die Möglichkeit bietet, Kontakte zu knüpfen, die uns mehr bringen. Irgendwann. Überhaupt müssen wir uns doch schon andauernd verbindlich festnageln lassen. Im Job, in der Familie – da ist es doch verständlich, dass wir uns die Freiheit nehmen, in unserer kostbaren Freizeit nicht auch noch allzu viele Verbindlichkeiten einzugehen?

3 Tipps, um FOMO an die Leine zu nehmen

Und so trägt FOMO, obwohl es sicher nur unser Bestes im Sinn hat, nicht unbedingt dazu bei, dass das Leben auch wirklich besser wird. Oder lebens-werter. Wir legen uns nicht verbindlich fest, sondern probieren „ein bisschen rum“ und sind stets auf dem Sprung. Was nichts anderes bedeutet, als dass wir überall ein bisschen sind, aber nirgendwo richtig. Wir führen ein Leben in Wartestellung. Es sei denn, wir nehmen FOMO ein wenig an die Leine.

  • Die Phantasie zügeln: Da wir nicht hellsehen können, wissen wir nicht, was genau wir da verpassen werden. Viel mehr treibt unsere Phantasie die schönsten Blüten. Und die können durchaus sehr viel schöner sein als das, was die Realität für uns bereithalten würde. Also: Nicht in Tag- oder Wunschträumen schwelgen, sondern die Sache realistisch betrachten.
  • Entscheidungen treffen: Meist hält das Leben für uns in jedem Bereich viele Optionen bereit. Und zwar mehr, als wir je werden nutzen können. Das Aufschieben von Entscheidungen führt uns allerdings selten weiter, weil manche Optionen so schlicht von selbst entschwinden. Also lernen wir besser, bewusst „ja“ und „nein“ zu sagen und streichen „vielleicht“ fürs Erste aus unserem Wortschatz.
  • Von FOMO zu JOMO: Nirgendwo entstehen Gegenbewegungen schneller als im Netz und so steht FOMO mittlerweile JOMO (joy of missing out) gegenüber. Übersetzt: Das Vergnügen, etwas zu verpassen. Ob JOMO eine Lösung oder eine Trotzreaktion ist, wird sich zeigen. Nichtsdestotrotz können wir uns davon eine Scheibe abschneiden. Gönnen wir uns das Vergnügen, nicht zu jedem Event hetzen zu müssen und rund um die Uhr erreichbar zu sein. Und erleben stattdessen bewusst das, was wir gerade tun. Anstatt das zu betrauern, was wir vermeintlich verpassen.

 
Fotocredits: iStock.com/marekuliasz


Online-Beratung durch Psychologen


Melanie Gramer

Melanie Gramer

Klinische Psychologin und Gesundheitspsychologin

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