Besser leben - Sabine Otremba

Positives Denken: Verbrannter Kuchen mit Zuckerguss?

Positives Denken ist verlockend. Glaube daran und du kannst es schaffen. Klingt gut und so motivierend? Denkste. Positives Denken kann uns dazu verleiten, Probleme und Hindernisse einfach unter den Teppich zu kehren. Ein Verhalten, das nicht nur Super-Hausfrauen wie Martha Stewart misstrauisch machen sollte.


Mein Lieblingszitat stammt von Walt Disney: “If you can dream it, you can do it.” Wird im Reich der Persönlichkeitsentwicklung und der Motivation sehr gerne gereicht. Positiv denken, die Kunst der positiven Visualisierungen meistern – schon liefert uns das Universum das, was wir uns in unseren kühnsten Tagträumen ausmalen.

Träume werden Wirklichkeit?

Wir erträumen uns quasi unser ideales Leben und die Lieferung erfolgt prompt? Leider nein. Mit dieser Wunschvorstellung räumt Gabriele Oettingen gründlich auf. Über 20 Jahre nahm Oettingen (Professorin für Psychologie an der New York University und an der Universität Hamburg) den zwangsverordneten Optimismus wissenschaftlich unter die Lupe. Das Ergebnis überraschte sie selbst. Ihr ernüchterndes Fazit:

„Positives Denken hindert uns daran, Ziele zu erreichen.“

 

Im Rahmen verschiedener Studien schnitten am Ende immer die Probanden am schlechtesten ab, die für sich die positivsten Zukunftsszenarien visualisiert hatten. [1]

  • Diätwillige Frauen nahmen weniger ab, je positiver sie sich das Resultat ausmalten.
  • Studenten, die vor der Prüfung das gewünschte Ergebnis visualisierten, bekamen die schlechtesten Noten.
  • Hochschulabsolventen, die sich ihren beruflichen Werdegang in den schönsten Farben ausmalten, verdienten hinterher weniger als nicht so optimistische Probanden.

Je positiver und rosiger die Zukunftsphantasien, desto ernüchternder hinterher die Realität. Wenig überraschende Erkenntnis: Es reicht nicht, das gewünschte Ergebnis nur zu visualisieren – wir müssen (leider) auch etwas dafür tun.

Die Krux mit dem visualisierten Idealzustand

Alles nur eine Frage der Einstellung? Jein. Es ist wichtig, dass wir an uns glauben. Probleme und Hindernisse lassen sich allerdings nicht einfach aus der Welt denken. Ebenso wenig verschwinden tief verwurzelte Verhaltensweisen, indem wir lediglich beschließen, ab heute ein bisschen positiv zu denken. Es wäre sogar fatal, wenn wir ernsthaft glaubten, dass wir, wie in einem Science-Fiction-Film, das Leben lediglich kraft unserer positiven Gedanken so formen könnten, wie es uns gefällt. Oder wenn das Gehirn nicht zwischen Realität und Visualisierung unterscheiden könnte und unsere – wie auch immer gearteten – Tagträume für bare Münze nähme.

Wunschdenken alleine bringt uns nicht ans Ziel und dennoch führen positives Denken und Visualisierungen dazu, dass wir die Hände erstmal in den Schoß legen. Wir fühlen uns fantastisch, während wir unser ideales Leben visualisieren und wir sind so entspannt, dass sogar der Blutdruck sinkt. Fatalerweise kann die Tagträumerei allerdings dazu führen, dass wir uns so gut fühlen, dass wir uns damit zufriedengeben.

Positives Denken setzt eine Negativspirale in Gang

Wir verträumen unser Leben, anstatt den Traum in unser Leben zu holen, weil wir die Arbeit scheuen, die damit einhergeht. Das hat Folgen. Das, was sich erst so gut anfühlte, macht uns bald schlechte Laune. Wir denken positiv und visualisieren auf Teufel komm raus – und nichts passiert. Wir träumen zu viel, handeln zu wenig, verzeichnen daher kaum noch nennenswerte Erfolgserlebnisse und sind – huch! – plötzlich so richtig negativ gestimmt. Also verwenden wir noch mehr Zeit und Energie darauf, um unsere Gedanken zu kontrollieren und uns eine Gehirnwäsche zu verpassen. Die Fahrt in dieser Gefühlsachterbahn laugt uns schließlich so aus, dass wir irgendwann gleich allem aus dem Weg gehen, was negativ ist und uns runterziehen könnte. Und das macht ziemlich einsam.

Realität, eine Prise Optimismus und WOOP

Positives Denken kann glücklicherweise mehr sein, als der Zuckerguss, den wir auf einen verbrannten Kuchen geben. Der Unterschied liegt darin, dass wir die Realität einbeziehen, anstatt sie auszublenden. Es liegt an uns, ob wir Zuckerguss über einen verbrannten Kuchen kippen und die ungenießbare Mischung für ein Meisterwerk halten. Oder ob wir uns lieber eingestehen: Dieser Kuchen ging völlig daneben – ich backe besser einen neuen. Und dann vertrauen wir darauf, dass wir – alleine oder mit fachkundiger Hilfe – einen neuen Kuchen backen können, der sehr viel besser schmecken wird. Prof. Gabriele Oettingen legt uns zudem die WOOP-Methode ans Herz:

  • W(ish): Welches Ziel/ welchen Wunsch möchte ich unbedingt erreichen?
  • O(outcome): Wie fühlt es sich an, wenn ich das Ziel erreicht habe? Was ist so erstrebenswert daran?
  • O(bstacle): Welche Hindernisse könnten mir unterwegs in die Quere kommen?
  • P(lan): Was tue ich, um diese Hindernisse zu überwinden? Etwa: Wenn ich abends zu oft Lust auf Süßigkeiten oder Knabbereien habe, dann stelle ich stattdessen einen Teller mit Gemüseschnitzen oder Reiswaffeln auf den Tisch.

Stop dreaming, start doing

Was eingangs erwähnten Walt Disney angeht: Er war nicht nur ein Träumer, er war auch ein Macher. Er beließ es nicht bei seinen Ausflügen ins Reich der Fantasie, stattdessen ließ er die Fantasie zum Leben erwachen. Disney schuf Comichelden wie Donald Duck und Micky Mouse, war besessen davon, den Zeichentrickfilm zu verbessern und mauserte sich schließlich zu einem der prägendsten Filmproduzenten des 20. Jahrhunderts. Was für ein Glück für uns, dass er es nicht nur beim Visualisieren beließ, sondern auch seinen Zeichenstift zur Hand nahm.

[1] Rethinking Positive Thinking (Gabriele Oettingen, New York University)

Fotocredits: iStock.com/MarkgrafAve


Online-Beratung durch Psychologen


Elisabeth Poisinger

Mag. Elisabeth Poisinger

Klinische Psychologin und Gesundheitspsychologin

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