Ängste und Phobien - Instahelp

Quarantäne, ein positives Testergebnis und der Umgang mit Medien

Das Coronavirus begleitet uns nun schon einige Monate und sehr viele von uns durften schon mehr oder weniger intensive Erfahrungen damit machen. Sei es das quälend lange Warten auf ein Testergebnis, die gesetzlich verordnete Quarantäne oder die Flut an Informationen, die wir tagtäglich über uns ergehen lassen (müssen). Natürlich geht all das nicht spurlos an uns vorbei und immer mehr Studien zeigen, dass das Coronavirus nicht nur körperlich, sondern auch psychisch tiefe Narben hinterlassen kann. Was sollten wir nun tun, um diese Zeit alle gemeinsam unbeschadet zu überstehen? Instahelp Psychologin Kerstin Jäger gibt Tipps rund um das Coronavirus:

Viele sind verunsichert wegen der negativen Nachrichten, die auf sie einprasseln. Wie sollte man in dieser Ausnahmesituation agieren?

Kerstin Jäger: Momentan wird man mit einer wahren Nachrichtenflut konfrontiert. Leider lässt sich das nicht ganz vermeiden, da diese Thematik wirklich die ganze Welt erschüttert. In diesem Zusammenhang ist es ratsam, dass man genau selektiert, welche Nachrichten qualitative Informationen beinhalten und wo eher “Panikmache” betrieben wird. Man sollte sich Quellen suchen, die gute Informationen liefern und sich darüber informieren wie die aktuelle Lage ist bzw. wie man sich und andere schützen kann. Es ist nicht ratsam, sich diesem Thema komplett zu verwehren, da zu einem verantwortungsbewussten und selbstbestimmten Umgang fundiertes Wissen unumgänglich ist.

Nachdem wir im Sommer kurz aufatmen durften, wurden nun erneut alle aufgefordert, soziale Kontakte so gut wie möglich zurückzufahren. Viele sitzen daher allein daheim. Was können diese Menschen tun, um nicht trübsinnig zu werden und Lagerkoller zu vermeiden?

Kerstin Jäger: Das Wichtigste ist, aktiv zu bleiben – auch für Menschen, die in häuslicher Quarantäne sind. Wenn man weiß, dass man nun mehrere Tage zuhause ist, hilft es, sich einen Plan zu machen und den Tag gut zu strukturieren. Auf der einen Seite, um sich abzulenken und auf der anderen Seite, um trotzdem das Gefühl einer sinnvollen Tagesgestaltung zu haben. Ebenso wichtig ist es, soziale Kontakte aufrecht zu erhalten – das funktioniert über Handy und soziale Medien ganz gut. Man sollte sich nicht einkapseln, und mit seinen Gefühlen alleine sein, sondern seine Gedanken mit anderen teilen. Auch zu Hause kann man Stress abbauen: mit Gymnastik, Yoga oder kreativen Methoden.

Wie sollte man mit sozialen Medien umgehen, auf denen ja auch viele Halbwahrheiten verbreitet werden?

Kerstin Jäger: Sehr selektiv. Grundsätzlich gilt für den Umgang mit sozialen Medien: Man sollte nach Möglichkeit nur mit Menschen in Kontakt treten, die einem gut tun und die einen aufbauen. Wenn man sich permanent mit Menschen vergleicht, denen es scheinbar gerade besser geht als einem selbst und die nur die Sonnenseiten ihres Lebens präsentieren, verstärkt das die Verzweiflung und das Gefühl, inaktiv und passiv zu sein.

Was raten Sie Menschen, die auf ein Testergebnis warten?

Kerstin Jäger: In dieser Situation sollte man sich definitiv möglichst gut ablenken und im Moment leben. Es macht wenig Sinn, sich typischen “Was-wäre-wenn-Gedanken” hinzugeben. Auch in diesem Zusammenhang ist es ganz wichtig, die Angst zu hinterfragen und einer Realitätsprüfung zu unterziehen:

  • Was passiert, wenn ich ein positives Testergebnis habe?
  • Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass das für mich wirklich ernsthaft bedrohlich wird?

Wir wissen mittlerweile, dass ältere Menschen ganz besonders gefährdet sind und Menschen im mittleren Alter nicht so ein hohes Risiko und oft einen sehr milden Verlauf haben. Es macht also Sinn, sich zu fragen: Was passiert wirklich, wenn ich infiziert bin? Die medizinische Versorgung wird gut und sehr wahrscheinlich wird der Verlauf mild sein.

Welche Auswirkungen kann die Quarantäne auf die Psyche haben?

Kerstin Jäger: Wenn man 14 Tage zuhause bleiben muss, hat das durchaus Auswirkungen auf die Psyche. Vor allem dann, wenn man das Gefühl hat, komplett fremdbestimmt zu sein. Gefühle von Ärger und Wut aufgrund der massiven Einschränkungen können gepaart mit Angst und Verzweiflung auftreten und zu irrationalen Handlungen und dysfunktionalen Gedankenmustern führen. Im Extremfall wurden unter Quarantäne auch Posttraumatische Stresssymptome beobachtet, wie etwa Schlaf- und Konzentrationsstörungen, psychische Erregung und depressive Symptome.
Einige psychosoziale Plattformen sowie auch niedergelassene Psychologen bieten die Möglichkeit einer Telefon- oder Online-Beratung. Es ist wichtig, auf eine flächendeckende psychische Versorgung hinzuweisen und Menschen dazu zu motivieren, auch in so einer Situation auf professionelle Hilfe zurück zu greifen, um Angstgefühle oder depressive Symptome zu lindern und langfristige Folgen zu reduzieren.

Wie sollte das Umfeld reagieren, wenn es mit einem Betroffenen zu tun hat? Wie kann man helfen?

Kerstin Jäger: Als Angehöriger sollte man vermitteln, dass diese Quarantäne eine sehr gute Tat ist. Man macht das zum Allgemeinwohl. Und das ist an dieser Stelle eine gute Bekräftigung. Selbst in Quarantäne zu bleiben ist ein Beitrag dazu, diese Krankheit einzudämmen. Es geht darum, den Menschen den Sinn dahinter zu vermitteln. Das hilft, die psychische Belastung einzuschränken. Man ist damit kein Opfer, sondern bekommt die Eigenverantwortung zurück. Natürlich ist die Angst vor Stigmatisierung groß. Deswegen sollte man einander einfach beistehen, kleine Aufmerksamkeiten schicken oder vor die Tür stellen. Besorgungen erledigen sowie finanzielle und existenzielle Sorgen abnehmen. Einfach zeigen: Wir sind für dich da, wir telefonieren, wir schreiben, wir schicken Fotos, helfen einander und dann ist die Zeit auch irgendwann vorbei. Und dann holen wir alles nach, was wir absagen mussten.

Haben Sie in der Beratung bisher häufig Anfragen bekommen, die auf Corona zurückzuführen sind?

Kerstin Jäger: Corona ist bei vielen meiner Klienten und Klientinnen ein großes Thema. Vor allem auch, weil ich sehr viele Angstpatient*innen habe. In diesen Fällen geht es in erster Linie darum, mit den Betroffenen Strategien zu erarbeiten, wie sie mit der Angst umgehen und diese reduzieren können.

Fotocredits: unsplash.com/@szymon12455

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