Stress - Instahelp

Isolation zu Corona-Zeiten: Wie gehen wir damit um, wenn die Regeln gebrochen werden?

Wieder jemand, der sich im Supermarkt viel zu knapp vorbei drängt, wieder eine Gruppe, die im Park gemeinsam die Sonne genießt. Wieder das unangenehme Telefonat mit dem einen Freund, der alles für übertrieben hält, und später noch vor hat seine Eltern zu besuchen.

Verständlicherweise löst es Ärger, Enttäuschung oder sogar Angst aus, wenn wir mit Menschen konfrontiert sind, die die Isolation derzeit nicht ernst nehmen. Manch einer fühlt sich jetzt sogar zum Kontrolleur der neuen Regeln auserkoren und in den sozialen Medien häufen sich die persönlichen Erfahrungsberichte über Regelbrecher, die an Ärger und Empörung kaum zu übertreffen sind.

Wir möchten über Möglichkeiten sprechen, wie wir jetzt konstruktiv aufeinander zugehen können, damit aus der gespaltenen Gesellschaft eine neue Kultur entsteht, in der nicht die gegenseitige Kontrolle, sondern Bestärkung und Zusammenhalt im Vordergrund stehen. Gemeinsam mit Instahelp Psychologin Mag. Kerstin Jäger zeigen wir Ihnen, wie Sie Menschen, die die Isolation ignorieren besser verstehen und einen konstruktiven Dialog starten können.

Angstzustände und Stress: Wieso sich Menschen nicht an die Regeln halten wollen

Ob wir uns jetzt bewusst dafür oder dagegen Entscheiden, uns an die neuen Regeln zu halten, hängt unter anderem davon ab, wie bedrohlich wir den Zustand der Isolation und Einsamkeit empfinden.

 
Für die einen ist es die Chance endlich zur Ruhe zu kommen, bei anderen löst es Angst und Stress aus, Zeit für sich selbst zu haben. Für viele Menschen war die gewohnte Struktur des Alltags nicht nur ein Anker, der Sicherheit und Stabilität gegeben hat, sondern auch die ideale Ablenkung von persönlichen Problemen. Würde man sich jetzt zu Hause isolieren, müsste man sich plötzlich mit sich selbst zu beschäftigen, und es könnten Themen an die Oberfläche kommen, die bis jetzt erfolgreich verdrängt wurden. Die Bereitschaft sich diesen Problemen zu stellen sinkt noch weiter, wenn man sich gezwungen fühlt das zu tun.

Auch Schwierigkeiten in der Partnerschaft, können ein Grund dafür sein, wieso Menschen sich nicht zu Hause isolieren möchten. Was uns schon lange am anderen stört, lässt sich nicht mehr verleugnen, wenn man 24 Stunden am Tag die Wohnung miteinander teilt. Nicht ohne Grund kommt es jetzt vermehrt zu Konflikten, oder sogar psychischen und physischen Gewaltsituationen in den eigenen vier Wänden.
Um die Probleme, die man mit sich selbst oder in der Partnerschaft hat weiterhin erfolgreich verdrängen zu können, wählt man unter Umständen dann den Weg, der von außen so ignorant und unverständlich scheint. Man bricht bewusst die Regeln, lenkt sich beim Treffen mit Freunden ab, und steckt so die Probleme wieder in die im Unterbewussten gut verstaute Kiste.

Isolation im Alter: Die Sorge, für immer alleine zu sein

Auch jene, die wir eigentlich schützen wollen, tun sich besonders schwer damit, sich an die neue Situation anzupassen, da sie oft in einer weit sozialisierten Gesellschaft aufgewachsen sind, in der das regelmäßige Gespräch mit den Nachbarn an der Tagesordnung lag. Hier ist das Verständnis für die Isolation oftmals noch geringer.

Hinzu kommt, dass gerade ältere Menschen oft alleine leben, und das eben erwähnte Nachbarschaftsgespräch eine der wenigen und umso wichtigeren sozialen Alltagsroutinen war. Während junge Menschen schon während der Verkündung der Maßnahmen überlegt haben, welche Videochat-App am Smartphone am besten aktiviert werden soll, fehlt es älteren Personen an modernen Strategien um ihre sozialen Kontakte aufrecht zu erhalten.

Bei älteren Personen können dann tiefgreifende Ängste aktiviert werden, oftmals sogar davor, nie wieder die Möglichkeit zu bekommen, die eigene Familie oder Freunde zu sehen.

 
Wenn so starke Ängste aktiviert werden, kann es sein, dass es zu der ganz bewussten Entscheidung kommt, die neuen Regeln zu ignorieren, um die restliche Lebenszeit doch noch genießen zu können, auch wenn man damit das Risiko eingeht, dass die verbleibende Zeit kürzer wird.

Ein weiterer erschwerender Grund die Regeln zu brechen kommt hinzu, bei dem Teil unserer Großelterngeneration, die einen Krieg miterlebt hat. Diese Generation hat zu dem Zustand das Haus nicht verlassen zu dürfen, eine völlig andere Verbindung, als junge Menschen. Um diese traumatischen Erlebnisse nicht wieder ins Gedächtnis rufen zu müssen, kommt es zu Verdrängungsmechanismen, die dazu führen können, sich nicht an die Vorgaben zu halten.

Von perfekt trainierten Normen zu völlig neuen Regeln

So vielfältig und individuell die Gründe für das Ignorieren der neuen Situation auch sein mögen, ein Grund, sich nicht korrekt zu verhalten, betrifft uns wohl alle. Während wir in unserer Kindheit viele Jahre Zeit haben soziale Normen und Verhaltensweisen im öffentlichen Raum zu erlernen, müssen wir diese perfekt trainierten Normen nun von heute auf morgen verändern. Es ist ganz normal in dieser Situation immer wieder zu vergessen wie wir uns verhalten sollen, uns seltsam dabei zu fühlen, oder nur zögerlich zu agieren.

Neue Normen wollen genauso wie in der Kindheit, erst erlernt und perfektioniert werden, bis sie Teil der Normalität sind.

 
Wir können uns nun aussuchen, ob wir uns in dieser neuen Situation über Menschen, die sich aus unterschiedlichen Gründen nicht korrekt verhalten empören und ärgern wollen, oder ob wir diese Situation nutzen, um eine hilfsbereite, verständnisvolle Kultur zu gestalten.

Überlegen Sie sich, welche Kultur Sie mitgestalten möchten

Es ist leicht über jemanden zu urteilen der sich nicht richtig verhält, denn in diesem Moment stellen wir einfach nur das Offensichtliche fest und wenden uns ab.
Viel schwieriger, aber auch konstruktiver ist es, sich jetzt in Empathie zu üben, einer Kompetenz, die uns auch nach diesem Ausnahmezustand zugutekommen wird. Nutzen Sie diese herausfordernde Situation, und wachsen Sie über sich selbst hinaus, indem Sie sie sich darin üben, sich in andere hineinzuversetzen.

Geben Sie Menschen, die Ihnen nahestehen, die Möglichkeit sich ehrlich und offen zu ihren Beweggründen zu äußern, und versuchen sie bei der Erzählung ein kleines bisschen in die Schuhe dieser Person zu schlüpfen. Ein offenes Ohr, ehrlicher Austausch, und sachliche Informationen tragen dazu bei das Gemeinschaftsgefühl zu stärken, das wir jetzt dringend brauchen, um die gemeinsamen Pläne zur Eindämmung der Pandemie umzusetzen.

Anderen und sich selbst helfen: Was sie tun sollten, und was nicht

Üben Sie sich auch in Geduld, wenn fremde Menschen in Ihrer Umgebung sich nicht regelkonform verhalten. Wir leben derzeit in einer Welt mit völlig neuen Normen, und es ist noch ungewohnt im Supermarkt Abstand zu halten. Entscheiden Sie bewusst, wie sie andere dabei unterstützen möchten diese Normen zu erlernen, indem Sie zum Beispiel höflich auf die Bodenmarkierungen an der Kassa aufmerksam machen, wenn Ihnen jemand zu Nahe kommt.

Werden Sie kreativ und überlegen Sie, wie Sie Menschen, die Ihnen nahestehen, die individuell für sie passende Unterstützung geben können, die sie brauchen.

 
Wenn Ihre Großeltern keine neuen Technologien anwenden können, könnten Sie zum Beispiel regelmäßig Briefe an sie schicken oder vor der Haustür ablegen, inklusiver neuer Fotos von den Enkeln. Beginnen Sie eine „Koch-Challenge“ mit dem einen Freund, der die Einsamkeit beim alleinigen Essen am meisten spürt und präsentieren Sie sich via Videochat ihre neuen Essenskreationen.

Zu guter Letzt gibt es noch einen wichtigen Punkt, den Sie sich immer wieder vor Augen führen können, wenn negative Gefühle Sie überwältigen. Es wird immer eine Person geben, die sich absolut nicht gesprächsbereit zeigt und absichtlich diese Regeln bricht.

Letztlich wird es auch dafür Gründe geben, aber es liegt nicht in Ihrer Verantwortung diese Person zum Gespräch zu drängen und ihre Ansichten zu ändern. Nehmen Sie sachlich Abstand und schützen Sie sich so selbst. Umgeben Sie sich mit gesprächsbereiten, offenen Menschen, die jetzt gemeinsam mit Ihnen nach vorne blicken und eine Kultur des Zusammenhalts gestalten wollen.

Fotocredit Titelbild: https://www.pexels.com/@Daria Shevtsova