Streiten ist gesund (Partnerschaft)

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Meinungsverschiedenheiten sind normal und sogar notwendig für eine glückliche Beziehung. Allerdings sollte man wissen, wie Streitigkeiten so ausgetragen werden, dass sie nicht in einen Dauerkonflikt ausarten.
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Streiten gehört zum Leben, um Schäden zu vermeiden, sollte man sich aber besser an Regeln halten. So kann ein Streit ein konstruktiver Weg zur Problemlösung sein.

Menschen haben unterschiedliche Bedürfnisse und Ansichten, das macht zum Teil den Reiz einer Beziehung aus. Zwangsläufig prallen diese Unterschiede aber manchmal aufeinander, und nicht immer lässt sich das gleich in einem harmonierenden Kompromiss auflösen.

Streit zu haben ist ganz normal, bis zu einem gewissen Grad unvermeidlich und notwendig. Wut, Zorn, Frustrationen müssen sich Ausdruck verschaffen können. Reinigende Gewitter können manchmal ein Segen und im Zorn ausgesprochene Dinge die Grundlage für die Aufarbeitung von Konflikten sein.

Die wenigen glaubwürdigen Untersuchungen, die Aufschluss über die Gründe für Gesundheit bis ins hohe Alter geben, brachten in einem Punkt allesamt ein einheitliches Ergebnis: Menschen mit Selbstbewusstsein, die ihre Bedürfnisse artikulieren und durchsetzen können, leben eindeutig länger und bleiben länger gesund. Dafür ist ein gewisses Maß an Streitlust unumgänglich. Das ist kein Plädoyer für uneingeschränkten Egoismus. Zum Streiten gehört es auch, die Sicht der anderen Seite kennen und akzeptieren zu lernen – und diese dann mit den eigenen Wünschen und Vorstellungen zu einem gelungenen Kompromiss zu vereinen. Wo das gelingt, ist es den kurzen Aufruhr – selbst wenn er heftig ausfallen sollte – allemal wert.

Dauerkrieg macht krank

Andauerndes Gezänk stresst alle Beteiligten und wirkt sich negativ auf Körper und Seele aus.

Ähnlich wie bei Krankheiten kann ein akuter Streit eine kurze Krise bedeuten, danach aber zu einer Stärkung führen. Ähnlich wie Krankheiten können aber auch Konflikte chronisch werden – und dann ebenso fatale Folgen haben. Es gibt inzwischen eine ganze Reihe von Untersuchungen aus dem noch relativ jungen Forschungsbereich der Neuroimmunologie (jener Wissenschaft, die sich mit den Auswirkungen der Psyche auf das Immunsystem beschäftigt), die zeigen, dass unproduktive Dauerkonflikte Spuren hinterlassen, die ähnlich stark bisher nur bei Menschen mit schweren Kriegstraumata bekannt waren.

Am besten lassen sich die Auswirkungen von Streit auf das Immunsystem über den Cortisolspiegel messen. Cortisol ist so etwas wie der Leithammel der Stresshormone. Es wird zwar bei Aufregung normalerweise vermehrt ausgeschüttet, gibt aber dann auch wieder Entwarnung und fungiert als Bremse für andere Stresshormone wie Adrenalin oder Noradrenalin. Folgerichtig gingen Forscher lange Zeit davon aus, dass der Cortisolspiegel durch Zank und Hader steigen würde. Doch bei der Untersuchung von dauerstreitenden Paaren im Labor stellte sich heraus: Das Gegenteil ist der Fall. Zur Verblüffung der Forscher zeigte sich bei Paaren, die seit langem immer wieder über dieselben Dinge stritten – auch wenn es sich dabei um scheinbar harmlose Dauerbrenner wie „Fahr nicht so schnell“ oder „Räum dein Zeug weg“ – handelte, dass der Cortisolspiegel nicht stieg, sondern gleich blieb oder sogar sank. Durch die defekte Cortisolreaktion ging aber auch dessen Funktion als Stressbremse verloren, wodurch dauerstreitende Paare ständig unter einer „kalten Wut“ leiden, einem beklemmenden chronischen Stressgefühl.

Ähnliche Veränderungen waren von der Wissenschaft schon einmal beobachtet worden: bei amerikanischen Vietnam-Veteranen. Viele Soldaten wurden mit den Kriegserlebnissen nie fertig. Längst vergangene Horrorszenen verfolgten sie in Alpträumen. Sie verloren ihre bürgerlichen Berufe und wurden chronisch krank. Auch bei diesen Ex-Soldaten fanden die Forscher ungewöhnlich niedrige Cortisolwerte und gaben dem Syndrom den Namen „posttraumatische Belastungsstörung“. Traumatische Kriegserlebnisse wirken sich körperlich also ähnlich aus wie alltäglicher Kleinkrieg in der Ehe oder auch am Arbeitsplatz.

Wer seiner Beziehung und seiner Gesundheit gleichermaßen einen Dienst erweisen will, tut also gut daran, die Dauerkonflikte und ständigen Reibereien zu beenden. Warum das so schwer ist, liegt daran, dass es in vielen Fällen gar nicht um die herumliegenden Socken geht, das späte Heimkommen vom Büro, den scheinbar unnötigen Einkauf oder die Frage, wie mit Schularbeiten der Kinder umgegangen werden soll.

Die Schatten der Vergangenheit

Hinter den alltäglichen Reibereien liegen in vielen Fällen andere, tief verborgene Themen. Solange diese nicht entdeckt und angesprochen werden, ist jeder Versuch, die vorgeschobenen Konflikte zu klären, von vornherein zum Scheitern verurteilt.

So haben Beziehungsforscher festgestellt, dass auch glückliche und stabile Paare meist Dauerbrenner haben, über die sie sich nicht einigen können. Unabhängig davon, ob es sich dabei um grundsätzliche Fragen des gemeinsamen Lebens oder kleinere Unzulänglichkeiten des Partners handelt, schaffen es aber solche Paare, die Gegensätzlichkeiten mit Witz und Ironie in ihren Alltag zu integrieren.

Wo jedoch schon Kleinigkeiten in gröbere Auseinandersetzungen münden, stehen dahinter meist nicht aufgearbeitete Verletzungen. Und die müssen nicht einmal in der aktuellen Partnerschaft entstanden sein. Therapeuten wissen, dass selbst Erfahrungen aus der frühesten Kindheit, jene mit Eltern, Geschwistern, aber auch früheren Lebensabschnittspartnern jede weitere Beziehung beeinflussen.

Diese Muster zu erkennen ist nicht immer leicht und oft nur mit professioneller Hilfe möglich.

Streiten lernen

Patentrezept zum Streiten gibt es nicht. Doch dem anderen zuhören, Verletzungen eingestehen, um Verzeihung bitten und schließlich das Kriegsbeil begraben kann man trainieren.

Es gibt eine Vielzahl an Ratgeberliteratur über das richtige Streiten. Doch in Wahrheit ist Streiten eine höchst individuelle Angelegenheit. Die einen brüllen im Zorn herum, werfen sich grobe Dinge an den Kopf und können schon kurz danach wieder in trauter Zweisamkeit gemeinsam über die Situation lachen. Andere führen einen stillen Kampf, mit wohl überlegten Worten, die aber nicht weniger wehtun können als eine unbeherrschte Schimpfkanonade, und grummeln noch Tage später vor sich hin.

So richtig die guten Ratschläge sind, etwa dass „Ich-empfinde-das-so“-Botschaften dem Gesprächsklima förderlicher sind als pauschale Anklagen mit „immer“ oder „nie“, so schwer sind sie im Streitfall zu berücksichtigen. Wer Wut und Ärger unter Kontrolle halten kann, streitet ohnehin nicht, sondern verhandelt.

Auch wenn wohlmeinende Ratschläge für den Moment der Rage nur wenig bringen, kann es hilfreich sein, wenn sich Paare – in aller Ruhe – einmal gründlich ihre Streitmuster ansehen. Der amerikanische Beziehungsforscher John M. Gottman hat die in vielen Fällen fast ritualhaft ablaufenden Auseinandersetzungen gründlich analysiert und die Beziehungsgeschichte der von ihm untersuchten Paare über Jahre und Jahrzehnte verfolgt.

Bei denen, die es letztlich nicht geschafft haben, ihre Konflikte zu regeln, und auseinander gingen, fanden sich immer wiederkehrende destruktive Muster:

Ein grober Auftakt

In Wahrheit lässt sich schon am Beginn eines Streits orten, ob die Diskussion (und in letzter Konsequenz die Ehe) einen guten Verlauf nehmen wird. Wer negativ und anklagend beginnt, darf sich nicht wundern, wenn am Ende zwar der Haussegen schiefhängt, der Ärger aber keinen Fortschritt brachte.

Nun liegt es in der Natur der Sache, dass eine Auseinandersetzung nicht mit Lobeshymnen auf den anderen beginnen kann. Aber es macht einen enormen Unterschied, ob jemand Kritik übt oder eine konkrete Beschwerde vorbringt. „Ich hab mich geärgert, dass du gestern so spät vom Büro heimgekommen bist. Wir hatten ausgemacht, dass du dich um die Schularbeiten unseres Sohnes kümmerst“ – das ist eine Beschwerde. Sie bringt das, was man für das Fehlverhalten des anderen hält, auf den Punkt, und nicht mehr. „Du lässt mich immer im Stich. Nie bist du da, wenn man dich braucht. Deine Arbeit ist dir wichtiger als wir“ – das ist Kritik, die kein bestimmtes Verhalten, sondern gleich die ganze Person und ihren Charakter in Frage stellt.

Wer merkt, dass die Diskussion mit einem groben Auftakt begonnen hat, tut gut daran, einen Gang zurückzuschalten. Oft hilft es, aus dem Zimmer zu gehen, ein paar Mal tief durchzuatmen und dann von vorne zu beginnen.

Verachtung

Im Streit zeigt sich am deutlichsten, ob ein Paar das, was den Grundstein einer Beziehung ausmacht, noch hat: gegenseitigen Respekt voreinander. Sarkasmus, Zynismus und abschätziger Humor sind immer Zeichen von Verachtung, lange schwelende Konflikte, ungelöste Probleme und dauerhafte Frustration.

Wer zum ersten Mal mit seiner Frau über Geld streitet, wird das kaum in verächtlichem Ton tun. Er wird sagen: „Ich denke, es wäre besser gewesen, wenn du die offene Installateurrechnung bezahlt hättest, statt neue Schuhe zu kaufen.“ Beim zehnten Mal wird die Diskussion vermutlich schon gröber beginnen: „Du wirfst mit unserem Geld nur so um dich.“

Der weitere Verlauf ist absehbar. „Natürlich, ich könnte auch barfuß laufen. Aber es ist mir peinlich, wenn alle meine Freundinnen sehen können, dass unser ganzes Geld in deine marode Firma fließt.“

Die sarkastische Replik könnte lauten: „Ich weiß, du hättest was Besseres verdient. Einen Prinzen, ein Schloss. Den solltest du suchen.“ Und der Ton, mit dem der letzte Satz ausgesprochen wurde, signalisiert ganz deutlich: „Ich wünsch dir viel Glück dabei, so wie du aussiehst.“

Paare kennen einander meist sehr gut und wissen daher auch, wo die Unsicherheiten des anderen liegen und wie sie ihn treffen können. Es ist verlockend, in dieses Waffenarsenal zu greifen, statt sich einem konkreten Vorwurf zu stellen. Wer den anderen in seiner Person angreift, ihn verächtlich macht und bloßstellt, mag im aktuellen Streit verbal obsiegen. Doch wo ist die Jury, die gratuliert? Der Sieger wird den Streit damit nur prolongieren und beim anderen so viel Frustration schaffen, dass die nächste Auseinandersetzung mit Sicherheit noch gröber abläuft.

Wo Verachtung die Diskussion prägt, sollten immer die Alarmglocken läuten. Nichts zeigt deutlicher, dass Paare bereits am Anfang vom Ende ihrer Beziehung stehen. Wer es hier nicht schafft, einen radikalen Kurswechsel einzuleiten, und nicht damit beginnt, lang schwelende Konflikte – notfalls mit professioneller Hilfe – aufzuarbeiten, kann genauso gut gleich seine Koffer packen.

Rechtfertigung als Gegenschlag

Wer angegriffen wird, verteidigt sich. Wenn tatsächlich nur versucht wird, das eigene Verhalten zu erklären, ist das kein Problem. „Es tut mir leid. Ich konnte diesen Schuhen in dem Moment einfach nicht widerstehen. Das war unbedacht, und die Installateurrechnung ist mir erst Stunden später wieder eingefallen“, erklärt eine konkrete Handlung. „Ich hab diese Schuhe einfach gebraucht. Du bist ja nie da. Also muss ich mir meine kleinen Freuden anderswo holen“, sagt dem anderen: Das Problem liegt nicht bei mir, sondern bei dir.

Das ist der beste Weg, ein Problem nicht zu lösen. Die eine Rechtfertigung bedingt die nächste und damit den nächsten Gegenschlag. Auch das ist ein Zeichen, dass hinter einem scheinbar nichtigen Anlassfall ein Wust an ungelösten Problemen lauert.

Abwehr

Grobe Kritik, Verachtung, Rechtfertigung und Gegenrechtfertigung – auf Dauer kann das niemand ertragen. Die Standardreaktion: Einer mauert, lässt die Kritik scheinbar ungerührt an sich abprallen, verkriecht sich hinter der Zeitung oder verlässt das Zimmer.

Was auf den anderen wie Ignoranz wirkt, ist in Wahrheit oft nichts anderes als ein Schutzmechanismus. Untersuchungen erklären, warum Männer sich meist schneller und öfter hinter den Paravant scheinbarer Ungerührtheit zurückziehen. Es ist eine biologische Tatsache, dass Männer mit Stress schlechter umgehen können als Frauen. In grauer Vorzeit war das sinnvoll: Jede stillende Mutter kann bestätigen, dass das Stillen umso leichter geht, je entspannter sie ist. Die natürliche Auslese wird also Frauen bevorzugt haben, die sich schneller und leichter entspannen konnten.

Für Männer hingegen war die Bereitschaft zur ständigen Aufmerksamkeit und Abwehr die zentrale Fähigkeit zum Überleben. Während Frauen sich nach einem alarmierenden Signal schneller beruhigen und entspannen können, bleibt bei Männern der Blutdruck länger erhöht. Männer erleben eheliche Konflikte massiver und bedrohlicher als Frauen. Das heißt, dass sie heikle Themen weniger gern ansprechen als Frauen und, wenn sie darauf angesprochen werden, lieber ausweichen und hinter eine Mauer flüchten. Damit ist ein fataler Teufelskreis programmiert. Jeder ungelöst bleibende Konflikt führt dazu, dass die Frustration weiter steigt, noch mehr Anklagen erhoben werden und noch früher gemauert wird.

Rettungsversuche ignorieren

In jedem Streit gibt es Momente, wo einer von beiden einen Waffenstillstand anbietet und einlenkt. Das kann ein spontanes Lächeln sein oder der Satz: „Lass uns eine Pause machen, ich will mich erst mal beruhigen.“ Eine spontane Berührung kann das Ende eines Streits ebenso einleiten wie eine keck herausgestreckte Zunge oder sogar ein irritiertes „He, hör auf, mich anzuschreien.“

In Gottmans Krach-Studien hat sich gezeigt, dass selbst Paare, die sich im Anfangsstadium eines Streits mit Kritik und Verachtung begegnen, immer noch deutlich bessere Chancen haben, ihre Konflikte und damit die Ehe zu retten, wenn sie imstande sind, solche Rettungsversuche zu erkennen und zu akzeptieren. 84 Prozent der Paare, die sich zwar destruktiv stritten, letztlich aber beim ersten versöhnlichen Anzeichen des anderen einlenkten, lebten sechs Jahre später immer noch in einer stabilen und glücklichen Ehe. Paare, wo solche Angebote nicht kamen oder die Rettungsversuche ignoriert wurden, trennten sich in neun von zehn Fällen.

Versöhnung zustande bringen

Auch beim besten Willen beider Partner ist es unvermeidlich, dass es im Lauf eines Ehelebens zu Verletzungen kommt. Und diese Verletzungen hinterlassen Spuren. Von jeder kleinen Enttäuschung, jeder Gemeinheit, jeder Abwertung bleibt etwas zurück. Unaufgearbeitet kann das im Lauf der Jahre auch die intensivsten Gefühle töten.

Wo Paare ihre Probleme – allein oder in einer Therapie – aufarbeiten, entdecken sie fast immer, dass hinter den emotionalen und sexuellen Flauten eine Vielzahl an gegenseitigen Verletzungen stand, die geschluckt wurden, statt sie offen anzusprechen und wieder aus der Welt zu schaffen. Damit Verletzungen sorgsam gepflegt und die Wunden so versorgt werden können, dass möglichst keine Narben zurückbleiben, braucht es immer Bereitschaft von beiden Seiten.

Die Verletzung eingestehen

Wer seine negativen Gefühle verschweigt, sich selbst ermahnt, keine Mimose zu sein, oder dem Leitsatz „nicht einmal ignorieren“ folgt, nimmt dem anderen von vornherein die Chance, die zugefügte Verletzung wieder gutzumachen.

Besser als bedrückt und beleidigt zu verstummen oder so zu tun, als wäre nichts gewesen, ist es, dem anderen klar und deutlich zu sagen, dass man sauer ist und wodurch man sich verletzt fühlt.

Die Verletzung anerkennen

Sehr oft scheitert eine Aussöhnung daran, weil der eine Partner darauf beharrt, dass er den anderen gar nicht verletzen wollte. „So hab ich das doch nicht gemeint!“ Dieser Satz verhindert eine Aussöhnung garantiert – und zwar unabhängig davon, ob er nun stimmt oder nicht. Wichtig ist, anzuerkennen, dass nicht das, was man ausdrücken wollte, zählt, sondern das, was beim anderen angekommen ist.

Um Verzeihung bitten

„Es tut mir Leid. Entschuldige bitte.“ Diese Worte wollen meist einfach nicht über die Lippen kommen. Verständlich, denn sie bedeuten ein Eingeständnis von Schuld und ein bisschen auch von Schwäche, weil man dem anderen damit sagt, dass man auf sein Verzeihen angewiesen ist. Ohne diese Zauberworte geht es aber nicht. Und wer sie ausspricht, wird meist feststellen, dass sie die Anspannung beim anderen schlagartig vertreiben. Wer schon mal dabei ist, könnte auch gleich nachfragen: „Gibt es etwas, womit ich das wieder gutmachen kann?“

Die Waffen einpacken

Verletzungen tun weh. Aber sie machen auch mächtig. Wer dem anderen klar gemacht hat, dass sein Tun verletzend war, kann diese Erkenntnis und die eigene moralische Überlegenheit wie eine Waffe vor sich hertragen und sie bei nächster Gelegenheit wieder auspacken. Wer dem anderen bei jedem Streit das gesamte Sündenregister von Neuem vorhält, wird die Bereitschaft, Fehler zuzugeben, kaum fördern.

Die schlimmste Verweigerung mündet in dem Satz: „Das werde ich dir nie verzeihen!“ Wer die Bitte um Nachsicht so ultimativ zurückweist, sollte sich immer klar machen, dass dieser Satz nur an einer Stelle einer Beziehung stehen kann: nämlich am Ende.

Verhandeln nach dem Streit

Pragmatische Beziehungsforscher meinen, dass das, was nach dem Streit und der Versöhnung kommt oder nicht kommt, für die Beziehung wichtiger ist als die Auseinandersetzung selbst. Den klassischen Verlauf hat jeder selbst schon einmal erlebt: Erst die große Aufregung, dann wird geschmollt, dann lenkt einer ein und bietet eine versöhnliche Geste an – und dahinter bleibt alles beim Alten.

Es mag verlockend sein, nach der emotionalen Aufregung nichts als die Versöhnung zu genießen. Aber letztlich ist das unproduktiv und gefährlich. Streit sollte immer ein Anlass sein, etwas später, wenn sich die Rauchwolken verzogen haben, gemeinsam darüber nachzudenken, was genau zu der Auseinandersetzung geführt hat. Egal, ob es sich tatsächlich „nur“ um ein falsches Wort oder eine lieblose Tat gehandelt hat oder in Wahrheit etwas ganz anderes dahintersteckt – in jedem Fall muss dieses Problem geklärt werden. Wer das nicht schafft, hat den nächsten Streit schon programmiert und läuft Gefahr, dass sich ein einmaliger Problemfall zur Dauerkrise auswächst.

Wo einem Streit Verhandlungen folgen, sind beide Seiten zur Toleranz aufgefordert. Nicht jeder Konflikt lässt sich in einem Kompromiss auflösen, manchmal ist es schlicht und einfach so, dass einer verlieren muss. Das lässt sich dann leichter ertragen, wenn man sicher sein kann, dass beim nächsten Mal eben der andere nachgeben muss – und noch leichter, wenn er schon beim letzten Mal nachgegeben hat. Wer stets nur seine Sicht der Dinge durchboxt, wird kaum ein Klima schaffen, in dem es sich gut und gesund leben lässt.

Missverständnisse ohne Worte

Niemand kann Gedanken lesen. Menschen, denen etwas an ihrer Partnerschaft liegt, tun gut daran, die Dinge beim Namen zu nennen.

Wie sehr sich das, was man tut oder sagt, und das, was dabei beim anderen ankommt, unterscheiden, ist vielfach untersucht. Ein eindrucksvolles Beispiel lieferte etwa die Wissenschaftlerin Margaret Mead, die schon in den 1940er-Jahren ein seltsames Phänomen untersuchte. Sie wollte herausfinden, warum so viele Beziehungen amerikanischer Soldaten, die während des Zweiten Weltkriegs in England stationiert waren, zu englischen Frauen schon in der Anfangsphase scheiterten. Dabei entdeckte sie einige typische Muster. Die Amerikaner – damals noch frei von den Zwängen der heute praktizierten political correctness – pflegten ihren Eroberungen oft schon nach dem ersten Treffen einen Kuss zum Abschied zu geben. Bei den Engländerinnen gab es darauf zwei Reaktionsmuster. Für die einen war der Kuss der Anfang vom Ende und sie verabschiedeten sich empört auf Nimmerwiedersehen. Die anderen luden die GIs daraufhin gleich zu sich nach Hause ein und ließen keinen Zweifel daran, dass es sich dabei um keine Einladung zum Tee handelte. Das wiederum ging den meisten Männern zu schnell, und sie ergriffen regelmäßig die Flucht.

Das Phänomen war lange bekannt, aber kaum erklärbar. Bis Mead herausfand, dass der Kuss für Amerikaner und Engländerinnen eine völlig unterschiedliche Bedeutung hatte. Für die jungen Soldaten war es eine freundliche Geste, eine leichte Berührung zwischen Menschen, die gerade im Begriff waren, sich näher zu kommen. Für die englischen Mädchen aber war es eine bereits sehr intime Geste, auf die sie entweder mit empörter Zurückweisung oder eben mit konsequenter Einladung ins Bett reagierten. In Zahlen ausgedrückt: Auf einer dreißigteiligen Schrittfolge – vom ersten Blickkontakt bis zum ersten Liebesakt – lag der Kuss für die Männer auf Platz 5, für die jungen Frauen aber schon auf Stufe 25.

Das Fazit der Kommunikationsforscher: Weil über die unterschiedlichen Bedeutungen dieser – und anderer – Gesten kaum je ein Wort verloren wurde, mussten viele dieser Beziehungen bereits am Beginn scheitern.

Frust und Ärger ganz ohne Streit

Wer seinen ehelichen Alltag ebenso systematisch untersucht, wird zahlreiche Beispiele dieser Art finden. Die dutzenden Worte, Gesten, Reaktionen und Nichtreaktionen, die für den einen gut gemeint oder bedeutungslos sind, lösen beim anderen Verwirrung, Ärger, Wut, Unverständnis und Frustration aus. Das zieht sich quer durch alle Lebensbereiche: Er lässt die Socken liegen, ohne zu ahnen, wie störend sie das findet. Sie erlaubt dem Kind etwas, ohne zu wissen, dass sie damit sein Erziehungskonzept unterläuft. Er ist geistesabwesend, wenn ihre Eltern zum Essen kommen, ohne zu erkennen, wie wichtig ihr dieses Zusammentreffen war.

Am Anfang einer Beziehung ist das meist kein großes Problem. Man genießt die Gemeinsamkeit und will den Tag nicht mit solchen Kleinigkeiten belasten. Die kleinen Irritationen sind meist rasch vergessen, wenn gleich danach die nächste Aufmerksamkeit, der nächste Liebesbeweis kommt.

Im Lauf der Jahre können sich die kleinen Ärgernisse aber zu einem beachtlichen Frustpotenzial zusammenballen. Durchbrechen lässt sich das nur mit radikaler Offenheit. Wer dem anderen sagt, was sein Tun oder Nichttun auslöst, wird Verständnis schaffen und bald merken, dass die Aufmerksamkeit zunimmt. Und wer gleichzeitig nachfragt, welche Bedeutung die Handlung für den Partner hat, wird lernen, auf die eine oder andere „Bosheit“ gelassener zu reagieren.

Damit kann man gar nicht früh genug beginnen. Gerade am Anfang einer Beziehung ist es am einfachsten, kleinere Korrekturen vorzunehmen. Nie wieder ist die Bereitschaft, dem anderen zuliebe auf die eine oder andere Gewohnheit oder Macke zu verzichten und manche Unzulänglichkeit zu überwinden, so groß. Das erste Paar herumliegender Socken zu thematisieren, ist keine große Sache. Wo aber jahrelang zugewartet wird, türmt sich ein Frustberg über hunderte Paare auf – bis der Geduldsfaden eines Tages reißt. Dann entlädt sich der angestaute Ärger mit Wucht – und weil das Ventil schon mal offen ist, kommt gleich noch ein Dutzend anderer Vorwürfe und Anklagen mit heraus.

Der „Übeltäter“ kann damit nur überfordert sein. „Jahrelang“, so meint er, „hat dich das nicht gestört, und jetzt plötzlich soll so eine Kleinigkeit ein Riesenproblem sein.“ Da könne doch nur anderes dahinterstecken.

Leichter ist es, die Dinge gleich beim Namen zu nennen und dabei auf den Kern seiner Botschaft zu achten. Wer dem anderen mitteilen möchte, dass ihn etwas stört, muss das nicht vorwurfsvoll und mit nörglerischem Unterton tun. Wer davon ausgeht, dass der andere ihm nichts Böses antun wollte, ja nicht einmal gedankenlos war, weil er die eigenen Gedanken zum Thema noch gar nie gehört hat, wird ganz von selbst den richtigen Tonfall finden.



Redakteur: Christian Skalnik (Journalist)
Aktualisierung: 12.11.2015, Elisabeth Tschachler (Journalistin)
Medizinisches Review: Univ. Doz. DDr. med. Josef Finsterer (Neurologie), Dr. med. Thomas Sycha (Pharmakologie)

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