Anorexie – Magersucht

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Magersüchtig werden vor allem junge Frauen, verschiedene Faktoren wirken an der Entstehung mit. Es kann zu zahlreichen Begleit- und Folgeerkrankungen kommen. Eine Psychotherapie ist die Behandlung erster Wahl.

Die Anorexia nervosa, wie der aus dem Griechischen stammende Fachbegriff für Magersucht lautet, wurde erstmals in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts beschrieben, und ist somit die am längsten bekannte und auch am ausführlichsten untersuchte Essstörung.

Betroffen davon sind vor allem junge Frauen in der Pubertät, zunehmend aber auch junge Männer. Die Anorexia nervosa hat zwar unter weiblichen Teenagern eine geringere Prävalenz als die Bulimie (Ess-Brechsucht), jedoch ist der Verlauf dieser Erkrankung ungünstiger und die körperlichen Folgen sind meist gravierender. Es finden sich auch bei Frauen Berufsgruppen mit einem höheren Erkrankungsrisiko: Models, Tänzerinnen sowie auch bestimmte Sportlerinnen, beispielsweise Eiskunstläuferinnen oder Bodenturneninnen.

Ausgelöst wird die Magersucht oft durch Unzufriedenheit mit dem äußeren Erscheinungsbild und dem Beginn einer Diät, die nicht mehr beendet werden kann. Da die Krankheit lange Zeit keinen Leidensdruck verursacht, sondern ein Gefühl von Macht und Stärke verleiht, versuchen die Betroffenen die negativen Folgen des Hungerns möglichst lange zu verstecken, sodass die zunehmende Unterernährung lange Zeit unentdeckt bleiben kann. Dies führt häufig zu schwerwiegenden Folgeerkrankungen und/oder zu einer Verstärkung eventueller Begleiterkrankungen der Anorexie. Auch im Zusammenhang mit Heilungsverlauf und Heilungschancen ist die Früherkennung der Störung von größter Bedeutung. Eine psychotherapeutische Behandlung ist bei Magersucht unumgänglich. Als Vorbeugung kann alles angesehen werden, was Kindern und Jugendlichen dabei hilft, ein gesundes Selbstwertgefühl und eine stabil Identität zu entwickeln.

Ursachen und Häufigkeit

Bis zu zwei Prozent der jungen Frauen sind betroffen. Für die Entstehung gibt es keine einfachen psychologischen oder biologischen Erklärungen, meist spielen mehrere Ursachen zusammen.

Unter jungen Frauen in der Pubertät wird eine Erkrankungshäufigkeit von 0,5 bis 2 Prozent angenommen. Der Anteil der Frauen an der Erkrankung insgesamt beträgt ungefähr 95 Prozent. Verlässliche Angaben über die Erkrankungshäufigkeit von Männern an Magersucht gibt es kaum. Allerdings konnte in den letzten Jahren ein Ansteigen der Erkrankungszahlen von männlichen Magersüchtigen beobachtet werden. Möglicherweise ist das darauf zurückzuführen, dass es in den letzten Jahren gelungen ist, das Tabuthema Essstörung mit all ihren verschiedenen Formen öffentlich zu machen, und somit auch jene ca. fünf Prozent Männer, die an dieser Erkrankung leiden, den Mut aufbringen professionelle Hilfe zu suchen. Vor allem Sportler sind gefährdet diese Störung zu entwickeln. Die meisten Krankheitsfälle kann man bei Skispringern, Eis-, Langstrecken- und Marathonläufern sowie Jockeys und Turnern beobachten.

Rollenverständnis von Frauen und Männern

Dass die Erkrankung doch viel häufiger bei Frauen zu finden ist als bei Männern, liegt zu einem großen Teil daran, dass Männer sich über ihren beruflichen Erfolg, ihre Macht, Potenz, ihren Geldbeutel definieren, wohingegen Frauen noch immer sehr nach ihrem Aussehen beurteilt werden. Dieses Rollenverständnis trägt sicherlich zur hohen Prävalenz von Frauen, die an Magersucht leiden, bei. Gemäß dem Umstand, dass sich alte Rollenklischees langsam, aber doch verändern, gelten mittlerweile auch für Männer bestimmte Körperideale, und dies mag einer der Gründe sein, wieso diese mehr und mehr an einer bislang Frauen vorbehaltenen Störung erkranken.

Die Sterblichkeitsrate bei Magersucht ist beträchtlich, sie liegt in den ersten Erkrankungsjahren bei fünf bis sechs Prozent, nach einer Krankheitsdauer von fünfzehn bis zwanzig Jahren steigt sie sogar auf zehn bis 18 Prozent.

Verschiedene Faktoren sind ausschlaggebend

Es gibt keine einfache biologische oder psychologische Erklärung für die Entstehung einer Magersucht. Nach heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen geht man davon aus, dass es sich um eine multifaktorielle Erkrankung handelt, die von verschiedenen Risikofaktoren bestimmt wird. So tragen sowohl genetische als auch Umweltfaktoren zur Entstehung der Krankheit bei. Im Rahmen der Zwillingsforschung konnte eine familiäre Häufung der Erkrankung nachgewiesen werden, wobei die genauen Genorte, wo der Defekt lokalisiert ist, noch nicht bekannt sind. Derzeit konzentriert sich die Forschung vor allem auf Informationsstellen, die in engem Zusammenhang mit dem System des Botenstoffes Serotonin stehen.

Außerdem sind auch Einflüsse aus dem sozialen Umfeld – wie negative Kommentare von Familie und Freunden bezüglich der eigenen Figur, wie auch das allgemeine Schönheitsideal, das von der jeweiligen Kultur bestimmt wird – Faktoren, die eine Entstehung der Magersucht begünstigen können. Ungünstige familiäre Umstände im Elternhaus, die eine Störung der eigenen Persönlichkeitsentwicklung hervorrufen, wie beispielsweise geringes Selbstbewusstsein oder fehlerhafte Problemlösungsstrategien sowie zu hohe Erwarten von Seiten der Eltern, die zu einem zwanghaften Perfektionismus führen können, aber auch schwere psychische, sexuelle oder physische Traumatisierungen in der Vorgeschichte können Auslöser der Magersucht darstellen.

Häufig kann auch eine Abmagerungskur der Beginn der Anorexia nervosa sein. So steht am Beginn der Erkrankung der durchaus nachvollziehbare Wunsch ein paar Kilogramm Gewicht zu reduzieren. Allerdings rückt mit der Zeit das Abmagern an sich in den Mittelpunkt und das Gefühl der Askese, der Selbstbeherrschung und das Besiegen des Hungers wird zu einem unverzichtbaren Faktor. Das reale Gewicht wird irrelevant und der oder die Betroffene ist nicht mehr in der Lage normal zu essen.

Soziokulturelle Faktoren

Magersucht gibt es ausschließlich in reichen Ländern – vor allem in westlichen orientierten Gesellschaften, die sich durch starke Konsumorientierung und ein Schönheitsideal auszeichnen, das junge, schlanke Menschen als erfolgreich, begehrens- und liebenswert darstellen. Frauen sind diesbezüglich einem größeren Druck ausgesetzt, den gängigen Schönheitsnormen zu entsprechen und erkranken daher deutlich öfter an Magersucht als Männer. Wie erwähnt, ist in den letzten Jahren ein deutlicher Trend zu erkennen, dass auch zunehmend junge Männer an dieser Störung erkranken und somit von gesellschaftlichen Zwängen bezüglich ihres Aussehens mehr und mehr betroffen sind.

Familiäre Faktoren

Magersucht kommt zumeist in so genannten Bilderbuchfamilien vor. Diese Familien legen großen Wert auf ein perfektes Erscheinungsbild, hinter dem sich aber häufig starke interne Spannungen verbergen. Konflikte und Gefühle werden nicht offen ausgesprochen. Beziehungen zwischen Familienmitgliedern sind von hoher gegenseitiger Abhängigkeit gekennzeichnet, es mangelt an Privatsphäre. Werte, die in solchen Familien hochgehalten werden, sind Leistung, Erfolg, korrektes Auftreten, gepflegtes Äußeres, gute Manieren, Harmonie.

Zumeist gibt es eine traditionelle Rollenaufteilung zwischen den Eltern – so ist der Vater für das Familieneinkommen zuständig und die Mutter kümmert sich um Haushalt und Kindererziehung. Für Töchter kann diese Konstellation insofern problematisch werden, als die oft überfürsorgliche Mutter die Eigenständigkeit und Ablösung der Tochter unterbindet. Durch die so entstehende Unselbstständigkeit geraten die Betroffenen in Konflikt mit den hohen Erwartungen an sich und die Zukunft – bezeichnend für die Magersucht ist, dass viele Magersüchtige beispielsweise Vorzugsschülerinnen sind. Die Hausfrauen-Rolle der Mutter dient ihnen nicht zur Identifikation und die Abgrenzung von der Mutter erfolgt über die Ablehnung der Frauenrolle und des Frau-Werdens sowie der damit verbundenen Sexualität.

Der Vater ist in der Familie berufsbedingt wenig präsent. Häufig empfinden Magersüchtige, dass sie von ihren Vätern nur über ihre erbrachten Leistungen wahrgenommen werden bzw. dass daran väterliche Zuwendung gebunden ist.

In manchen Familien findet sich auch bereits eine Geschichte von Essstörungsverhalten. Magersüchtige können z.B. in ihrer Kindheit erlebt haben, wie über Essen Belohnung und Bestrafung ausgeübt bzw. Macht und Kontrolle erlangt wurde. Dieses Verhalten ist in der Folge zu ihrer zentralen Konfliktbewältigungsstrategie geworden.

Viele Magersüchtige fühlen sich fremdbestimmt und sind nicht im Stande aus diesem oft goldenen Käfig auszubrechen. Aufgrund der Tatsache, dass keine adäquaten Lösungsstrategien zur Verfügung stehen, wie man sich dem familiären Druck – sei es bezüglich schulischer Leistungen, sei es bezüglich sportlicher Erfolge – entziehen können, ist die einzige Möglichkeit zur Selbstbestimmung der Verzicht auf Nahrung.

Auch ist oftmals ein verzerrtes Selbstbild die Ursache, dass Anorektikerinnen und Anorektiker – obwohl sie objektiv gesehen bereits krankhaft mager aussehen – sich selbst im Spiegel betrachten und einen Menschen sehen, der zu dick ist. Dieses Phänomen wird auch als Körperschemastörung bezeichnet. Alle Versuche der Umwelt eine Änderung im Essverhalten der Betroffenen hervorzurufen, werden als unzulässige und vor allem unerwünschte Einflussnahme abgewehrt. Charakteristisch ist auch, dass Magersüchtige oft dazu neigen, übermäßig Sport zu betreiben, um nur nicht zuzunehmen.

Individuelle Faktoren

Bei Magersüchtigen lässt sich häufig ein hohes Maß an Selbstunsicherheit feststellen, das sie durch Perfektionismus, Loyalität und Zuverlässigkeit bis hin zu Überangepasstheit und Fremdbestimmtsein auszugleichen versuchen.

Ihr beständiges Streben nach Anerkennung und Liebe schlägt sich auch in ihrem Ehrgeiz, die Besten, die Schönsten, die Dünnsten zu sein nieder. Gemeinsames Merkmal von magersüchtigen Patientinnen und Patienten ist die Angst vor dem Essen, gekoppelt an eine panikartige Furcht vor einer Gewichtszunahme. Viele Betroffene nehmen die Wünsche und Erwartungen ihrer Umgebung sehr differenziert wahr, versuchen, diese zu erfüllen und es möglichst allen Recht zu machen. Gleichzeitig wissen sie aber nicht, wer sie eigentlich sind und was sie wollen. Die Körperschemastörung führt dazu, dass die Betroffenen ihren Körper nur spüren können, wenn sie hungrig sind.

All diese Eigenschaften fördern die zunehmende Entwicklung von eher starren, unflexiblen Denk- und Handlungsmustern. In manchen Fällen tritt Magersucht daher auch in Verbindung mit Zwangs- oder Angststörungen und Depressionen auf, aber auch Borderline-Persönlichkeitsmerkmale sind häufig.

Biologische Faktoren

Es gibt Hinweise auf eine genetische Veranlagung. Allerdings ist bei der Entstehung des Krankheitsbildes das Zusammenspielen der oben genannten Faktoren notwendig. Es wird angenommen, dass bei anorektischen Menschen eine Störung der Hirnregion vorliegt, die für die Steuerung des Essverhaltens und der sexuellen Aktivität verantwortlich ist. In Zwillingsstudien wurde gezeigt, dass die Wahrscheinlichkeit eines eineiigen Zwillings etwa 50 Prozent beträgt, diese Essstörung zu entwickeln, wenn das andere Geschwisterkind ebenfalls an Magersucht erkrankt ist. Bei zweieiigen Zwillingen sinkt diese Wahrscheinlichkeit auf unter 10 Prozent.

Krankheitsauslösende Bedingungen

Der Krankheitsbeginn fällt bei vielen Magersüchtigen mit einem belastenden Lebensereignis zusammen, das jedoch nur Auslöser, nicht Ursache der Erkrankung ist. Typische Beispiele dafür sind Trennungs- oder Verlusterlebnisse, z.B. ein Schulwechsel, eine beendete Beziehung oder Situationen, die mit Verantwortungsübernahme verbunden sind, wie Berufseintritt oder Beginn eines Studiums, sowie Situationen, die emotionale Reife fordern, wie der Beginn einer sexuellen Beziehung. So erkranken viele Betroffene während der Pubertät, wenn vor allem bei jungen Mädchen der Körper beginnt weibliche Formen zu entwickeln. Oftmals tritt in dieser Lebensphase ein Gefühl der Überforderung ein und es wird versucht diesen inneren Konflikt mit Hilfe der Krankheit zu lösen. Innere Unsicherheit, wie man mit der neuen Lebensphase zurechtkommen soll, Zweifel und Ängste bezüglich der Zukunft, die massiven Veränderungen sowie viele neue Eindrücke sind dann Auslöser der Störung.

Krankheitserhaltende Faktoren

Wird die Nahrungszufuhr für längere Zeit verringert, so stellt sich der Körper darauf ein, indem er den Grundbedarf an Energie senkt. In der Regel nehmen Magersüchtige über einen langen Zeitraum nur geringste Nahrungsmengen zu sich. Dieser niedrige Level wird auch nach Beendigung einer etwaigen Diät beibehalten.

Betroffene nehmen beim normalen Essen an Gewicht zu: Der berüchtigte Jo-Jo-Effekt tritt ein. Die Gewichtszunahme löst bei Personen, die an Essstörungen leiden, häufig massivste Ängste aus, und dies führt über kurz oder lang zur nächsten Diät bzw. zu einem fast kompletten Verzicht auf Nahrung.

Die so genannte Set-Point-Theorie geht davon aus, dass es für jedes Individuum ein genetisch festgelegtes Körpergewicht gibt, das sich bei normalem Ess- und Bewegungsverhalten problemlos halten lässt. Allerdings entspricht es bei den wenigsten Menschen dem körperlichen Erscheinungsbild von Models. Wird versucht, das Gewicht unter dieses individuelle Körpergewicht zu reduzieren, gelingt dies nur durch permanentes Hungern, was wiederum zu hormonellen Veränderungen führen kann.

Das extreme Hungern ist für magersüchtige Menschen von großer Bedeutung, den es erfüllt viele mit asketischem Stolz, und sie fühlen sich anderen gegenüber überlegen. Sie sind der Meinung, dass sie es einfach nicht notwendig haben, sich mit ungesunden Kalorien vollzustopfen, und das Kalorienzählen wird zu einer automatischen Handlung. Nicht nur Hunger, sondern auch Müdigkeit oder Erschöpfung werden oft ignoriert, und so geschieht es nicht selten, dass Magersüchtige trotz massiv reduzierter körperlicher Ressourcen erstaunlich leistungsfähig sind.

Begleiterkrankungen

Depressionen und Angststörungen sind häufige Begleiterkrankungen ebenso wie hormonelle Störungen und Mangelerscheinungen.

Je länger die Magersucht unbehandelt bleibt, desto höher ist die Gefahr einer Chronifizierung. Bei in Behandlung befindlichen Patientinnen und Patienten wurden außer der Magersucht in 29 – 55 Prozent der Fälle depressive Symptome, bei bis zu 60 Prozent Angststörungen, bei jeweils 20 Prozent Persönlichkeitsstörungen und neurotische Symptome und bei jeweils fünf Prozent Alkohol- und Tablettenmissbrauch sowie schizophrene Erkrankungen diagnostiziert.

Physische Erkrankungen können durch die chronische Unterernährung, Abführmittel- und Entwässerungsmittelmissbrauch oder selbst herbeigeführtes Erbrechen hervorgerufen werden, dazu gehören unter anderen:
  • Durchblutungsstörungen, deren Auswirkung von bläulicher Verfärbung von Händen, Nase, Kinn und Frieren bis zu Ohnmachtszuständen, Wahrnehmungs-, Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen reichen können,
  • hormonelle Störungen, die sich bei Frauen im Ausbleiben der Monatsblutung (sekundärer Amenorrhoe) und bei Männern durch Potenz- und Libidoverlust äußern, bzw. bei sehr jungen Betroffenen in einem Wachstumsstopp,
  • trockene Haut,
  • chronische Verstopfung,
  • Verätzungen der Mundschleimhäute und Speiseröhre,
  • Schädigung der Zähne durch die Magensäure,
  • die Ausbildung einer feinen Behaarung im Gesicht und am ganzen Körper (Lanugo-Behaarung),
  • Schwellungen oder Entzündungen der Ohrspeicheldrüsen,
  • Flüssigkeitsansammlungen im Körper (Ödeme – diese können eine Gefahr darstellen, wenn sie im Bauchraum oder Herzbeutel lokalisiert sind),
  • Störung des Elektrolythaushalts – Kaliummangel und Natriummangel können Herzrhythmusstörungen und Nierenschädigungen verursachen und im Zusammenhang mit exzessiver sportlicher Betätigung zum plötzlichen Tod führen.

Folgeerkrankungen

Bei magersüchtigen Frauen kommt es oft zu Veränderungen des Monatszyklus, durch die Unterernährung auch zu Osteoporose und Wahrnehmungsstörungen.

Bei ungefähr zehn Prozent der Erkrankten nimmt die Essstörung einen chronischen Verlauf, bei einem weiteren Drittel kommt es zu einer Symptomverschiebung. Dabei wird die Magersucht durch eine andere Symptomatik ersetzt, z.B. durch Ess-Brech-Sucht, Drogen-, Alkohol- bzw. Tablettenmissbrauch, Depression, Zwangserkrankungen, in seltenen Fällen treten schizophrene oder affektive Psychosen auf. zehn Prozent versterben an den Folgen der Unterernährung.

Bei einer lang andauernden Unterernährung kann es zu einer Unterversorgung des Gehirns und damit verbunden zu Konzentrations-, Aufmerksamkeits- und Wahrnehmungsstörungen kommen. Außerdem wird bei ehemals Magersüchtigen ein gehäuftes Auftreten von Knochenbrüchen und Erkrankungen an Osteoporose beobachtet, was auf die lange andauernde Unterernährung und Mangelversorgung mit lebenswichtigen Vitaminen und Spurgenelementen zurückzuführen ist.

Auch die mit der Mangelernährung verbundenen hormonellen Veränderungen führen zu Folgeerkrankungen. So kommt es bei magersüchtigen Frauen häufig zu Veränderungen des weiblichen Zyklus, bei manchen bleibt die Monatsblutung überhaupt aus. Weitere körperliche Folgeerscheinungen sind chronische Verstopfung, niedriger Blutdruck, eine geringere Körpertemperatur als die Normalbevölkerung, Elektrolytentgleisungen sowie weitere Stoffwechselstörungen.

Vorbeugung

Kinder in ihrer emotionalen Entwicklung zu unterstützen kann die Entwicklung von Essstörungen verhindern.

Vorbeugend im Zusammenhang mit Essstörungen ist ein Familienklima, das Kinder bzw. Jugendliche in ihrer Identitätsfindung und emotionalen Entwicklung fördert und unterstützt. Die angeführten Verhaltensweisen und Werthaltungen haben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sie dienen nur als Beispiele, welche Ressourcen der Entstehung von Essstörungen entgegengesetzt werden können bzw. welche Erziehungsmaßnahmen vermieden werden sollten.
  • Die Einteilung der Lebensmittel in gut und böse sowie deren Einsatz zur Belohnung oder Bestrafung versieht diese mit emotionalen Qualitäten, die irreführend sind, darum sollte das möglichst vermieden werden.
  • Essen ist kein Ersatz für Liebe, Zuwendung oder Trost. Bekommen Kinder Süßigkeiten zugesteckt, um Langeweile, Frustration oder Einsamkeit zu überbrücken, so kann es sein, dass sie auch als Erwachsene problematische Situationen auf diese Art bewältigen.
  • Sprüche wie: „Gegessen wird, was auf den Tisch kommt“ oder „Bevor du nicht aufgegessen hast, darfst du nicht aufstehen“ sind nicht hilfreich. Kinder sollten nicht zum Essen gezwungen werden. Es ist wichtig, dass sie wahrnehmen, wie sich Hunger anfühlt und wie es ist, satt zu sein. Erfährt ein Kind am eigenen Leib, wie über Essen Macht ausgeübt wird, so lernt es daraus auch möglicherweise, Essen selbst als Machtmittel einzusetzen.
  • Sind Diäten, Körpergewicht, Angst vor dem Dickwerden ein häufiges Gesprächsthema der Eltern, so besteht die Gefahr, dass Kinder und Jugendliche dies übernehmen und auftretende Gewichtsschwankungen problematischer erleben, als sie eigentlich sind.
  • Das offene Ansprechen von Konflikten und Gefühle hilft Kindern, diese auch wahrzunehmen.
  • „Nobody is perfect“ – Fehler gehören zum Leben. Perfektionistische Ansprüche tragen Enttäuschung und Scheitern schon in sich und sind der Entwicklung eines stabilen Selbstwertgefühls nicht förderlich.
  • Die Achtung der Privatsphäre der Familienmitglieder ist wichtig, ebenso sollte deren Individualität respektiert und gefördert werden.
  • Das Thematisieren und Hinterfragen von männlichen und weiblichen Rollenzuweisungen, von Schönheits- und Schlankheitsidealen, sowie deren Repräsentanten, die den Jugendlichen möglicherweise als Vorbilder dienen, unterstützt diese in der Meinungsbildung und können zu einer distanzierteren Betrachtungsweise verhelfen.

Früherkennung

Wichtig ist die Aufmerksamkeit von Eltern, Lehrern und Freunden, um die Erkrankung früh zu erkennen.

Die Fähigkeit von Magersüchtigen, mit wenig Nahrung auszukommen, verhilft ihnen zu einem Gefühl der Stärke und Überlegenheit. Sie erleben sich lange Zeit nicht als krank, wehren alle Hilfestellungen von Familie und Freunden ab. Sie sind überzeugt davon, dass die anderen überreagieren und sie selbst gesund sind.

Die Betroffenen versuchen oft, den Gewichtsverlust zu verheimlichen z.B. durch weite Kleidung oder das Vermeiden von bestimmten Situationen – sie gehen nicht mehr ins Schwimmbad, ziehen sich vor anderen nicht mehr aus. Je länger die Erkrankung unentdeckt und unbehandelt bleibt, desto lebensbedrohlicher können physische Begleiterscheinungen werden und desto schwieriger gestaltet sich die Behandlung des psychischen Störungsbildes. Zudem steigt die Gefahr eines chronischen Verlaufes.

Aufgrund des nicht oder kaum vorhandenen Leidensdrucks bei den Betroffenen bedarf es der Aufmerksamkeit von Eltern, Lehrpersonen und Freundkreis, um eine mögliche Erkrankung rechtzeitig zu erkennen. Sind mehrere der hier angeführten typischen Kennzeichen einer Magersucht bereits über einen Zeitraum von zwei Monaten zu beobachten, sollte der oder die Betroffene direkt darauf angesprochen und Kontakt zu einer Beratungsstelle aufgenommen werden.

Auffällige Symptome:
  • Nahrungsumstellung auf kalorienarme Lebensmittel – Obst, Gemüse, fettarme Lebensmittel – und zwanghaft anmutendes Kalorienzählen;
  • die Nahrung wird akribisch zerkleinert, es wird darin herumgestochert; der Einkauf der Nahrungsmittel, die Essenzubereitung und das Essen selbst werden sehr zeitaufwendig gestaltet und die oder der Betroffene nimmt nur geringste Mengen zu sich;
  • es wird nur einmal am Tag und dann häufig erst am Nachmittag oder Abend etwas gegessen;
  • häufig werden Familienmitglieder, Freunde etc. bekocht, die oder der Magersüchtige selbst isst aber nicht mit;
  • Verleugnung von Hungergefühl oder Fehlinterpretation z.B. als Bauchschmerzen;
  • die Durchführung exzessiver Bewegungsprogramme, Gymnastikprogramme mehrmals täglich, mehrstündiges Joggen etc.;
  • kontinuierlicher Gewichtsverlust;
  • häufiges Frieren, blau-rote Finger oder Hände, eventuell auch Nase und Kinn sowie entsprechende Bevorzugung warmer Kleidung;
  • sozialer Rückzug.

Beschwerden

Abgesehen vom Gewichtsverlust sind Menstruationsstörungen, Verstopfung und dauernde Müdigkeit typische Anzeichen.

Zum Krankheitsbild der Magersucht gehört, dass Betroffene nicht oder kaum krankheitseinsichtig sind. Zu den objektiven Beschwerden zählen natürlich auch alle unter Früherkennung genannten Symptome, doch diese werden von den Betroffenen selbst kaum genannt. Beschwerden, mit denen Magersüchtige zum Arzt gehen, ohne jedoch die Essstörung zu erwähnen, sind:
  • Menstruationsstörungen (sekundäre Amenorrhoe)
  • Verdauungsstörungen bzw. Obstipation – häufig verbunden mit dem Wunsch nach der Verschreibung von Abführmitteln (Laxanzien)
  • unklarer Gewichtsverlust
  • Abgeschlagenheit, Müdigkeit und Kreislaufschwäche

Bei manchen Erkrankten werden schließlich die psychischen und physischen Auswirkungen derart stark, dass sie sich zu einer Arztkonsultation durchringen. Auslösend kann hier die Erfahrung sein, dass sie ihr gestörtes Essverhalten nicht aufgeben können, ohne massivste Ängste, Unruhe und vegetative Symptome – vergleichbar mit einer Entzugssymptomatik bei Süchtigen – zu erleiden. Sie müssen ihr Idealgewicht immer weiter nach unten korrigieren, um sich wohl fühlen zu können. Die anfangs durch das Essverhalten gewonnene Kontrolle hat sich verselbständigt und sie erleben sie als Kontrollverlust. Die Spannungen führen zu Stimmungsschwankungen, Schlaflosigkeit, zwanghaften Verhaltensweisen, Depressionen, die auch mit Suizidgedanken und zunehmender sozialer Isolation einhergehen können.

Diagnose

Ein Body Mass Index (BMI) von 17,5 und weniger, eine verzögerte körperliche Entwicklung und das Ausbleiben der Monatsblutung gehören zu den Diagnosekriterien.

Die Kriterien für die Diagnose Magersucht umfassen nach dem Klassifikationssystem der WHO für Krankheiten (ICD 10):
  • Ein niedriges Körpergewicht – ein Body Mass Index (BMI) von 17,5 und weniger (als Normalgewicht gilt ein BMI-Wert, der zwischen 18,9 und 24 liegt);
  • selbst herbeigeführter Gewichtsverlust bzw. Angst vor Gewichtszunahme;
  • Körperschemastörung: Magersüchtige leiden unter einer verzerrten Wahrnehmung ihres Körpers bzw. Körperbildes – obwohl sie nur noch Haut und Knochen sind, empfinden sie sich als zu dick;
  • bei Frauen das Ausbleiben der Monatsblutung (sekundäre Amenorrhoe);
  • bei Männern Libido- und Potenzverlust;
  • eine Hemmung der körperlichen Entwicklung bei Krankheitsbeginn vor der Pubertät.

Es werden zwei Typen von Magersucht unterschieden: der „restriktive Typ“ (hier wird der Gewichtsverlust nur durch Hungern herbeigeführt), und der „Purging Typ“, der den Gewichtsverlust aktiv durch Sport, Erbrechen oder mit medikamentöser Hilfe herbeiführt.

Die Diagnosestellung erfolgt aufgrund der Angaben, die die Betroffenen im Gespräch mit dem Arzt machen sowie den Ergebnissen einer körperlichen Untersuchung und einer Laboruntersuchung. Im Gespräch wird der Arzt vor allem den Umgang mit Essen sowie persönliche und familiäre Einstellungsmuster ansprechen.

Bei der körperlichen Untersuchung werden Gewicht, Größe, Pulsfrequenz, Blutdruck und Körpertemperatur gemessen. Die Haut wird auf Ödembildung (Wassereinlagerung im Gewebe), Akrozyanose (bläuliche Verfärbung aufgrund mangelnder Durchblutung) und Verletzungen untersucht. Weiters wird untersucht, ob Zahnschäden sowie Schwellungen bzw. Entzündungen der Speicheldrüsen, hervorgerufen durch Erbrechen, vorliegen.

Die Untersuchung des Blutes beinhaltet die Bestimmung der Elektrolyte, Kreatinin und Harnstoffe, Differentialblutbild, Gesamteiweiß und Albumin, Hormonstatus, Leber- und Nierenfunktionsparameter und Blutsenkung. Diese Untersuchungen werden auch während der Behandlung in regelmäßigen Abständen wiederholt. Besteht die Erkrankung bereits seit längerer Zeit, kann mit Hilfe von bildgebenden Verfahren wie einer Röntgenuntersuchung und Computertomografie (CT) festgestellt werden, ob eine Erkrankung an Osteoporose eingetreten ist.

Die Untersuchungsergebnisse bilden die Entscheidungsgrundlage für Art und Intensität der anschließenden Behandlung. Die Diagnoseerstellung fällt in die Kompetenz verschiedener medizinischer Fächer: Eine multiprofessionelle Betreuung ist für die Betroffenen unumgänglich.

Behandlung

Eine psychotherapeutische Behandlung ist die Therapie erster Wahl. Zuweilen ist eine stationäre Aufnahme erforderlich.

Da es sich um eine vorwiegend psychische Erkrankung handelt, ist eine psychotherapeutische Behandlung immer notwendig und die Therapie erster Wahl. Medikamente gegen Magersucht gibt es nicht. Wenn Medikamente verschrieben werden, dann dienen sie der Behebung von Mangelerscheinungen oder es werden damit zusätzlich auftretende psychische Erkrankungen wie z.B. Depressionen oder Zwangsneurosen behandelt. Als Richtwert für eine psychotherapeutische Behandlung wird von Experten ein Zeitraum von zwei bis vier Jahren genannt.

Je nach physischem und psychischem Zustandsbild wird der Arzt eine sofortige Einweisung in ein Krankenhaus veranlassen oder andere individuell angepasste Behandlungsformen vorschlagen. Außerdem wird er die notwendigen ersten Schritte, wie die Kontaktaufnahme mit einem Psychotherapeuten oder einer Beratungsstelle für Essstörungen in die Wege leiten.

Die Behandlung von Magersüchtigen hängt eng mit den Familienverhältnissen zusammen: Die Betroffenen – häufiger Töchter als Söhne – entwickeln stellvertretend für die Familie, sozusagen als „Familiensymptom“, eine Magersucht. Die Betroffenen stammen vornehmlich aus Familien, in denen vordergründig vollkommene Harmonie und gegenseitige Aufopferung herrschen. Eine eigenständige Entwicklung der einzelnen Familienmitglieder erscheint in diesen Familien problematisch, da die Erhaltung und das Wohl der Gemeinschaft als oberstes Prinzip angesehen werden. Durch die Anorexie gelingt eine Distanzierung von der Familie, ohne sie in einem direkten Konflikt verlassen zu müssen. Neben der psychotherapeutischen Behandlung ist eine umfassende medizinische Betreuung der Magersüchtigen essentiell.

Körperliche Störungen bedürfen einer multiprofessionellen Betreuung: Internistischer sowie in manchen Fällen sogar intensivmedizinischer Behandlung sowie eventuell einer Sanierung der Zähne, die durch die Mangelernährung oftmals massiv zerstört sind.

Psychotherapeutische Behandlung

Mehrere psychotherapeutische Schulen haben Konzepte zur Behandlung der Magersucht entwickelt. Für Betroffene und deren Angehörige ist das vielfältige Angebot oft verwirrend. Meist fehlen auch die Zeit und das Geld, um verschiedene Therapieansätze auszuprobieren. Letztendlich ist für eine erfolgreiche Behandlung weniger die gewählte Therapierichtung als eine gute Beziehung zwischen Betroffenen und Therapeutin oder Therapeut ausschlaggebend.

Für die Behandlung der Magersucht hat sich der Einsatz mehrerer Psychotherapien (multimethodale Therapie) als erfolgreich erwiesen. Mit Hilfe der Verhaltenstherapie erlernen Magersüchtige einen adäquaten Umgang mit Essen. Nachdem alles rund ums Essen das Leben von Magersüchtigen für lange Zeit beherrscht hat, haben diese, sobald die Symptomatik abklingt, plötzlich viel Zeit zur Verfügung, was im ersten Moment eine Überforderung darstellen kann. Diese birgt die Gefahr eines Rückfalls in die alte Symptomatik.

Die körperorientierte Psychotherapie ist wichtig für die Behebung der Körperwahrnehmungsstörung. Sie unterstützt die Betroffenen dabei, wieder ein Gefühl für ihren Körper zu bekommen. Entspannungstechniken zu erlernen ist sinnvoll. Familientherapie hilft bei der Lösung der innerfamiliären Konflikte. Gestalttherapie, Gesprächspsychotherapie sowie tiefenpsychologische Verfahren wie die Psychoanalyse helfen beim Erkennen, Bearbeiten und Verändern von hinderlichen oder krankheitsverursachenden Verhaltensmustern, deren Ursprung zumeist in der frühen Kindheit liegen.

Behandlungsziel

Behandlungsziel ist eine Veränderung des Essverhaltens. In der Psychotherapie wird zunächst einmal zu klären versucht, welche Konflikte die Betroffenen mit dem pathologischen Essverhalten lösen. Sobald den Betroffenen verständlich wird, wie die Störung bei der Lebensbewältigung „geholfen“ hat, welche „positiven“ Effekte die Krankheit für die Magersüchtigen dem Anschein nach hatte, können adäquatere Lösungsstrategien erarbeitet werden. Dies führt zu einer Entzauberung der Störung und ermöglicht es den Betroffenen, sich Schritt für Schritt davon zu lösen. Während dieses Umlernprozesses hält die Symptomatik einige Zeit weiter an, es kann am Beginn sogar zu einer Verstärkung kommen.

Dabei ist Geduld von allen Seiten nötig, es handelt sich immer um einen mehrjährigen Prozess.

Entscheidungshilfen für die Wahl des Therapeuten

Es ist ratsam jemanden zu wählen, der über langjährige Erfahrung in der Behandlung von Essstörungen verfügt. Das Erstgespräch bei einem Therapeuten oder einer Therapeutin dient dem gegenseitigen Kennenlernen. Für den Therapeuten oder die Therapeutin ist es wichtig, die Situation und die Anliegen der Betroffenen kennenzulernen und der Klient muss für sich klären, ob er sich diesem Menschen anvertrauen kann. Fragen, die bei der Entscheidung helfen können, betreffen vor allem Gefühle, die während der Gesprächssituation für die Betroffenen spürbar waren:
  • Fühle ich mich ernst genommen und respektiert?
  • Habe ich den Eindruck, dass meiner Person und meinem Anliegen ein echtes Interesse entgegengebracht wurde und nicht die Routine im Vordergrund stand?
  • Hat der Therapeut oder die Therapeutin gut zugehört?
  • Fühle ich mich nach dem Gespräch optimistischer als vorher?

Ambulante oder stationäre Behandlung?

Betroffene können zwischen ambulanten und stationären Behandlungsformen wählen. Die ambulante Durchführung einer Therapie hat den Vorteil, dass der veränderte Umgang mit Essen im Alltag und nicht in der künstlichen Atmosphäre einer Klinik stattfindet. Die Entscheidung, ob die Behandlung ambulant oder stationär erfolgt, hängt jedoch von den aktuellen Lebensbedingungen und vor allem vom gesundheitlichen Allgemeinzustand ab. Eine stationäre Behandlung empfiehlt sich bei Magersüchtigen,
  • deren körperliche und psychische Verfassung sehr schlecht ist,
  • die bereits mehrere Jahre an der Erkrankung leiden,
  • die ambulante Behandlungen bereits abgebrochen haben bzw. denen diese nicht geholfen hat,
  • in deren Familie unerträgliche Spannungen bestehen,
  • die den Wunsch nach Unabhängigkeit von der Familie äußern,
  • die aus welchem Grund auch immer überzeugt sind, in der stationäre Behandlung besser aufgehoben zu sein als in der ambulanten.

Der Vorteil einer stationären Betreuung in einer psychosomatischen Abteilung oder einer Spezialabteilung für Essstörungen ist, dass ein multiprofessionelles Team zur Verfügung steht und somit der Einsatz mehrerer Therapierichtungen möglich ist. Ein stationäres Behandlungsprogramm beansprucht in der Regel einen Zeitraum von sechs bis acht Wochen. Im Anschluss daran ist eine weitergehende ambulante Betreuung wichtig, damit der Übergang von der Klinik in den Alltag, gelingt.

Zwangsmaßnahmen

Sowohl am Beginn einer Behandlung als auch während des psychotherapeutischen Behandlungsprozesses kommt es bei manchen Betroffenen vor, dass sie trotz eines lebensbedrohlichen physischen Zustandes die Nahrungsaufnahme verweigern. In diesen Fällen muss von den behandelnden Ärztinnen und Ärzten zu Zwangsmaßnahmen gegriffen werden (Zwangsernährung). Der Einsatz von Zwang hat auf den therapeutischen Prozess fast immer einen sehr negativen Einfluss, doch steht in einer derartigen Situation keine andere Möglichkeit mehr zur Auswahl, um das Leben der Betroffenen zu retten.

Heilungsverlauf und Heilungschancen

Die Heilungschancen sind umso besser, je kürzer die Krankheit angedauert hat und je weniger Begleiterkrankungen sich bereits zeigen.

Die Krankheitsverläufe sind bei Magersucht sehr unterschiedlich. Je kürzer die Krankheitsdauer und je weniger Begleiterkrankungen auftreten, desto besser sind die Heilungschancen. Zahlen zu Behandlungserfolgen gibt es nur von Betroffenen, die in Behandlungszentren erfasst wurden und sich für weitere Nachuntersuchungen zur Verfügung gestellt haben. Bei Magersuchterkrankungen ergaben die Untersuchungen, dass fünf bis zehn Jahre nach Behandlungsende etwa die Hälfte der Patienten keine Symptome einer Essstörung hatten, bei etwa einem Viertel eine Verbesserung und bei einem weiteren Viertel eine Verschlechterung eingetreten ist oder sie verstorben sind.

Leider zeigen Nachuntersuchungen auch, dass es bei einem Teil der ehemals Erkrankten zu Symptomverschiebungen kommt. Die Essstörung ist zwar nicht mehr vorhanden, dafür treten andere psychische Probleme, wie Depressionen, Angststörungen, Drogen- bzw. Alkoholmissbrauch oder in Einzelfällen auch Schizophrenie oder affektive Psychosen auf.

Leben mit der Krankheit

Das Essverhalten zu ändern und seinen Körper lieben zu lernen ist ein langwieriger Prozess, der Geduld erfordert. Die ganze Familie benötigt dabei Unterstützung.

Hinweise für Betroffene

Der Weg zur Normalisierung des Essverhaltens ist langwierig und schwierig. Es gibt keine Zaubertricks, mit denen man die Angst vor der Gewichtszunahme zum Verschwinden bringen kann. Die Bereitschaft, die Magersucht ganz aufzugeben, ist die Voraussetzung für einen erfolgreichen Therapieverlauf. Niemand kann versprechen, dass mit einer Gewichtszunahme das Leben einfacher wird. Anfangs wird es sogar unsicherer, da die Essstörung bestimmte Probleme „gelöst“ hat und nun ein neuer Umgang sowohl mit den Konflikten als auch mit dem Essen gesucht und erlernt werden muss.

Hinweise zu Essen und Gewichtszunahme

  • Ausgewogene und schmackhafte Ernährung ist wichtig und verursacht keine übermäßige Gewichtszunahme.
  • emeinsames Essen macht mehr Spaß. Daher wird empfohlen, eine Mahlzeit am Tag mit der Familie oder Freunden einzunehmen bzw. Einladungen zum Essen nicht auszuschlagen.
  • Zu essen, was andere zubereitet haben, wirkt dem Kontrollbedürfnis entgegen.
  • Kochen aus Spaß, nicht zur Kontrolle.
  • Keine Kalorien zählen.
  • Eher die früher verbotenen als die früher erlaubten Lebensmittel einkaufen.
  • Regelmäßig essen.
  • Bewusst spüren, wie sich Hunger anfühlt, wie es ist, satt zu sein, und wie sich Völlegefühl anfühlt.
  • Die Anzeige der Waage sollte die Stimmung nicht diktieren: Ein paar 100 Gramm sollen nicht über Glück oder Unglück entscheiden
  • Bei der Gewichtszunahme ist es üblich, dass anfangs an einzelnen Körperpartien mehr zugenommen wird als an anderen. Nach einiger Zeit gleicht sich dies aber meistens etwas aus.

Leben ohne Abführmittel

  • Abführmittel machen den Darm träge. Es wird voraussichtlich einige Zeit dauern, bis der Darm seine Tätigkeit wieder aufnimmt. Sich unter Druck zu setzen hilft hier nicht, der Körper braucht einfach einige Zeit für die Umstellung.
  • Wenn sich in den ersten Tagen kein Stuhlgang einstellt, ist das kein Grund zur Besorgnis. Manchmal ist es schon hilfreich, wenn man in Ruhe zehn Minuten ohne starkes Drücken und Pressen auf dem Klo sitzt.
  • Eine spezielle Ernährung bei Darmträgheit hat positive Auswirkungen auf die Verdauung. Ballaststoffreiche Lebensmittel und reichlich Flüssigkeit sind in diesem Zusammenhang wichtig.


Neue Quellen des Wohlbefindens entdecken

Solange sich die Gedanken hauptsächlich mit dem Essen beschäftigen, beschränken sich auch körperliche Empfindungen weitestgehend auf Hunger- und/oder Völlegefühl. Die Außenwelt und ihre spürbaren Effekte auf den Körper werden zunehmend ausgeblendet. Die Vielfalt der sinnlichen Wahrnehmungsmöglichkeiten, seien es nun Geschmack, Geruch, Berührung, Wärme- oder Kälteempfindungen, tragen aber wesentlich zum allgemeinen Wohlbefinden bei, daher ist es wichtig sie wieder zu entdecken.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, hier auf Entdeckungsreise nach Quellen des Genusses und des Spürens zu gehen. So kann man z. B. beim Essen versuchen, möglichst feine Geschmacksunterschiede wahrzunehmen. Wie ist der Geschmack und wie der Geruch des Essens? Welche Gewürze lassen sich herausschmecken? Die Haut ist unser größtes Sinnesorgan, wir spüren auf ihr Umwelteinflüsse wie Sonne, Wind und Wasser. Wir kommunizieren über sie, streicheln jemanden, der traurig ist, erblassen vor Schreck oder erröten vor Zorn. Sich und seiner Haut etwas Gutes tun kann man z.B. in dem man sich ein Schaumbad gönnt. Wie fühlt sich die Haut nach einer Bürstenmassage oder nach Wechselbädern an? Das Eincremen der Haut mit einer wohlriechenden Lotion ist eine weitere Möglichkeit.

Magersucht und Schwangerschaft

Bei bestehender Magersucht besteht aufgrund der Mangelernährung ein erhöhtes Risiko für die Schwangerschaft und das Kind. Die Kinder haben ein geringeres Geburtsgewicht und nehmen langsamer an Gewicht zu. Häufig gibt es große Probleme mit dem Stillen. Das Risiko sinkt deutlich, wenn die zukünftige Mutter bereits einige Zeit in Behandlung ist und sich auf dem Wege der Besserung befindet. Auf jeden Fall sollten Erkrankte Frauen ihren Gynäkologen über eine bestehende Magersucht informieren.

Unterstützung durch eine Selbsthilfegruppe

Viele Betroffene erleben die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe als große Erleichterung, da sie mit ihren Problemen nicht mehr alleine sind. Sie können in der Gruppe über ihre Erfahrungen offen sprechen und müssen sich nicht mehr verstellen. Anfangs fällt es vielen schwer, über sich selbst zu sprechen, aber die Verbundenheit, die sich zwischen den Gruppenmitgliedern entwickeln kann, gibt Sicherheit und hilft dabei, die eigenen Probleme leichter zu bewältigen. Die Gruppenmitglieder versorgen einander mit Informationen und unterstützen einander. Jedes Mitglied kann anderen mit seinem Wissens- und Erfahrungsschatz weiterhelfen. Die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe ersetzt aber nicht eine psychotherapeutische Behandlung.

Hilfe für Angehörige und Freunde

Viele Familienangehörige, Partner und Freunde von Magersüchtigen erleben die Zeit von der ersten bewussten Wahrnehmung der Essstörung bis zum Behandlungsbeginn, zum Teil auch noch während der Behandlung selbst, als emotionale Berg- und Talfahrt. Sie schwanken zwischen Sorge, Angst, Schuldgefühlen, Ohnmacht, Hilflosigkeit, Wut und Zorn. Ein wichtiger Schritt im Umgang mit dieser Situation ist die Erkenntnis, dass Essstörungen schwerwiegende psychosomatische Erkrankungen sind. Es ist weder zu erwarten, dass sie ohne Behandlung plötzlich verschwinden, noch dass die Familie, der Partner oder andere nahestehende Personen alleine dieses Problem in den Griff bekommen können. Professionelle Unterstützung ist unerlässlich. Angehörige, Partner oder Freunde können aber viel tun, um eine Behandlung zu initiieren und den Genesungsprozess zu unterstützen.

Wie das Thema ansprechen?

  • Das problematische Essverhalten sollte in einer ruhigen und ungestörten Situation angesprochen werden.
  • Möglicherweise stößt das erste Gesprächsangebot auf Ablehnung. Dann ist es gut, das Gespräch zu einem anderen Zeitpunkt fortzusetzen. Man darf nicht vergessen, dass der Widerstand, der besorgten Helfern entgegenschlägt, weniger von der betroffenen Person selbst als von der Krankheit herrührt.
  • Möglichst offen sollte man das große Interesse am Menschen und seiner Sicht der Dinge zum Ausdruck bringen. Das wirkt sich positiv auf die Gesprächsbereitschaft aus.
  • Nachdem Magersüchtige selbst oft kein Krankheitsbewusstsein haben, ist es wichtig, ihnen zu vermitteln, dass es sich um eine schwere Erkrankung handelt, die auch zum Tod führen kann und dass man sich um sie sorgt.
  • Die Schilderung der Beobachtungen, die zur Annahme geführt haben, dass es sich hier doch um ein schwerwiegendes Problem handelt, kann den Zugang zu den Betroffenen erleichtern.
  • Magersüchtige geben häufig falsche Auskünfte, wenn sie gefragt werden, wie viel sie essen. In solchen Fällen empfiehlt es sich, ihnen klarzumachen, dass sie nicht die Wahrheit sagen und dass dieses Verhalten mit der Erkrankung in direktem Zusammenhang steht. Viele Erkrankte empfinden es als Entlastung, wenn sie erkennen, dass sie nicht mehr weiterlügen müssen.
  • Ein belehrendes und autoritäres Auftreten ist nicht hilfreich.

Verhaltenstipps für den Alltag

  • Es ist wichtig, Betroffene normal zu behandeln. Wenn versucht wird, alle Alltagslasten von Magersüchtigen fernzuhalten, wird dies oft als Entmündigung empfunden.
  • Betroffene zum Essen zu zwingen bringt nichts, im Gegenteil: Aufgrund ihres Autonomiestrebens führt jegliche Zwangsausübung fast immer zu einer Symptomverstärkung.
  • Sich gemeinsam mit den Erkrankten gegen die Krankheit zu verbünden, fördert den Genesungsprozess.
  • Die Achtung der Privatsphäre der Betroffenen ist unbedingt notwendig.
  • Es ist wichtig, sich vor Augen zu halten, dass Anorektikerinnen und Anorektiker nicht absichtlich nahestehende Personen ärgern, sondern sie haben im Moment keine anderen Konfliktlösungsstrategien zur Verfügung.
  • Es ist in der Regel sehr hilfreich, auch wenn es nicht immer leicht ist, verständnisvoll auf die Betroffenen einzugehen. Für die Angehörigen und Freunde ist es allerdings auch wichtig, sich klarzumachen, dass sie keine Übermenschen sind. Sie sollten immer auch auf die eigenen Psychohygiene zu achten, und erkenne, dass nur der oder die Erkrankte selbst die Krankheit überwinden kann.
  • Viel Geduld ist notwendig, denn die Behandlung der Erkrankung wird einen längeren Zeitraum beanspruchen. Angehörige und Freunde sollten sich nicht scheuen, in dieser schwierigen Situation jede zur Verfügung stehende Unterstützung in Anspruch nehmen. Bei Beratungsstellen für Essstörungen sind Informationen über die Krankheit, psychotherapeutische Angebote, Selbsthilfegruppen für Betroffene sowie Selbsthilfegruppen für Angehörige und Freunde erhältlich.




Redakteurin: Verena Ahne (Journalistin)
Aktualisierung: 05.11.2015, Elisabeth Tschachler (Journalistin)
Medizinisches Review: Univ. Prof. Dr. Ernst Berger (Psychiatrie), Dr. med. Bettina Reiter (Psychiatrie, Psychotherapie), Univ. Prof. Dr. Leopold Schmetterer (Pharmakologie)

Diese Informationen können den Besuch beim Arzt nicht ersetzen, sondern können Ihnen helfen, sich auf das Gespräch mit dem Arzt vorzubereiten. Eine Diagnose und die individuell richtige Behandlung kann nur im persönlichen Gespräch zwischen Arzt und Patient festgelegt werden.

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