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Online: Wie das Internet uns verändert

Die einen betrachten das Internet als Segen, für die anderen ist es ein Fluch. Der entspannte Umgang mit dem Netz wird immer schwerer. Ich frage mich selbst gelegentlich, ob ich „das mit dem Internet noch im Griff habe“. Oder ob das Internet mich im Griff hat und wie es mich verändert, ständig online zu sein.

Nicht online zu sein ist mittlerweile unvorstellbar

Ich kenne es noch, das Leben ohne Internet. Rückblickend betrachtet frage ich mich fast, wie ich meine Teenagerzeit überlebt habe. Am Sonntagnachmittag eine kleine Shoppingtour machen und im Netz bequem ein paar Updates für den Kleiderschrank bestellen? Nix da. Die Shoppingtour musste logischerweise in ein Zeitfenster innerhalb der Woche während der üblichen Geschäftsöffnungszeiten gequetscht werden. Mal eben was online recherchieren? Oder das Netz nach weiterführenden Erklärungen für eine Hausaufgabe befragen? Unmöglich. Wer weder hilfreiche Eltern noch Freunde hatte, trabte wohl oder übel in die Stadtbücherei, während heute nur ein paar Klicks nötig sind. Das Internet bietet zweifelsohne eine Menge Vorteile. Aber der Umgang damit will auch durchdacht sein. Außer Frage steht allerdings, dass uns das Internet verändern wird.

Warum es problematisch ist, zu viel online zu sein

Mittlerweile geben immer mehr Smartphone-Nutzer zu, von dem kleinen Quälgeist abhängig zu sein und der Wunsch, mal eben „nach dem Rechten zu schauen“ übermächtig ist. Darüber hinaus ist die Versuchung groß, das tägliche Leben bis ins Detail mit anderen zu teilen – natürlich online. Netzwerke wie Instagram, Facebook oder Twitter profitieren davon. Der Erfolg, online viele Follower um sich zu scharen, ist allerdings sehr flüchtig, denn wer nicht ständig dranbleibt und seinen Followern beste Unterhaltung bietet, gerät schnell ins Abseits. Das sorgt für Stress. Soziologe Hartmut Rosa prophezeit außerdem:

“Die neuen Medien verstärken aber auch noch ein anderes Verhalten. Wir haben uns angewöhnt, die Welt nach immer interessanteren Optionen zu scannen. Dahinter steckt die Angst, irgendwo etwas zu verpassen. Dann kann ich aber nicht in eine Resonanzbeziehung treten. Die setzt nämlich voraus, dass man Aufmerksamkeit fokussiert und alles andere loslässt – nach dem Motto: Ich werde etwas verpassen, aber das ist mir die Sache wert. [1]

 

Online wird das Gehirn auf die Probe gestellt

Auch die im Netz auf uns einstürmende Informationsflut macht uns zu schaffen – und das nicht nur gefühlt. Verschiedene Studien kamen zu dem Ergebnis, dass unser Gehirn beim Durchforsten der Online-Informationen und dem ständigen Umherswitchen einem Motor gleicht, der langsam heiß läuft. Forscher der University of California stellten mittels Hirn-Scan fest, dass während des Surfens doppelt so viele Areale aktiviert werden wie beim Lesen von Druckerzeugnissen. Das führt zu einer Reiz- und Informationsüberflutung des Gehirns und das kann Verständnislücken oder Gedächtnisblockaden nach sich ziehen.

Online zu sein kann auch Vorteile haben

Im Gegenzug prophezeien Neurobiologen allerdings auch, dass wir in Zukunft schärfer, kritischer und analytischer denken werden. Und durch das online erlernte Leseverhalten schneller dazu in der Lage sind, Inhalte zu erfassen. Auch Menschen, deren Selbstwertgefühl einen Kick nötig hat, profitieren online von den Möglichkeiten des Netzwerkens. Hiermit ist allerdings keine narzisstische Selbstdarstellung gemeint. Forscher der Michigan State University stellten fest, dass soziale Netzwerke (in diesem Fall Facebook) ein gutes Übungsfeld sind, um die sozialen Fähigkeiten zu stärken. Von den 477 Probanden profitierten vor allem diejenigen vom online Netzwerken, deren Selbstwert vorher recht niedrig war. Nach einem Jahr war nicht nur ihre Selbstachtung gestiegen, sondern auch die Fähigkeit, die online erlernten sozialen Fähigkeiten im echten Leben anzuwenden.

Womit wir wieder beim Knackpunkt sind: Nämlich der Herausforderung, die online zur Verfügung stehenden Möglichkeiten so zu nutzen, dass wir auch offline davon profitieren. Nicht leicht, aber auch nicht unmöglich. Ich selbst werde mir immer wieder vergegenwärtigen, dass mich niemand zwingt, permanent online zu sein. Und dass Laptop und Smartphone auch mal offline sein dürfen. So wie ich…

[1] welt.de: “Wir steuern auf einen kollektiven Burnout zu

Fotoquelle: iStock.com/DragonImages

Aktualisiert am: 6. Dezember 2022
Selbstwert - Sabine Otremba