Besser leben - Sabine Otremba

Verlernen wir das Warten?

Warten? Nervig und unnötig. Wenn wir schon ausgebremst werden, dann schnappen wir uns meist das Smartphone und gestalten das Unangenehme so kurzweilig wie möglich. Doch das ist nicht immer die beste Idee…

Liegt es daran, dass wir dank WhatsApp innerhalb von Minuten eine Rückmeldung auf unsere Nachrichten bekommen? Oder daran, dass wir innerhalb von Sekunden in das gewünschte E-Book schauen können, ohne uns nach den Öffnungszeiten von Bibliothek oder Buchladen richten zu müssen? Fakt ist: Warten ist out. Mehr denn je. Lassen sich Wartezeiten nicht vermeiden, tun wir alles, um keinen Leerlauf verspüren zu müssen. Unterwegs hilft der Griff zum Smartphone, zu Hause Bücher, Netflix oder ein Ausflug in die Social-Media-Welt. Wer da, neben den üblichen Alltagsverrichtungen, noch Däumchen drehend in die Luft starrt, ist wirklich selbst schuld.

Was soll am Warten nützlich sein?

Stellt sich die Frage: Was soll verkehrt daran sein, Wartezeiten kurzweiliger zu gestalten? Gar nichts, finden die, die sich die Wartezeit auf den Bus mit einem unterhaltsamen WhatsApp-Chat vertreiben. Philosophen hingegen wähnen bereits einen drohenden kulturellen Verlust. Und auch Psychologen weisen darauf hin, dass das Warten durchaus nicht nur negativ zu werten ist. Denn:

  • Langeweile tut gut: Und zwar nicht nur Kindern, sondern auch Erwachsenen. Nicht umsonst empfiehlt Schreib- und Kreativitätscoach Julia Cameron in ihrem Workshop einen einwöchigen Medienentzug, der anfangs unweigerlich zu schlimmster Langweile führt. Und wozu das? Weil neue Ideen nicht nur aus Anregungen, sondern auch aus Langeweile erwachsen.
  • Einen Gang runterschalten: Kurze Phasen des Leerlaufs haben noch einen weiteren Vorteil. Denn wenn wir tagträumen oder ziellos unseren Gedanken nachhängen, ist das eine wertvolle Erholungspause in einem Alltag, der rund um die Uhr unsere volle Aufmerksamkeit fordert und uns auf Dauer auslaugt.
  • Raum für Zufälle und Neuentdeckungen: Seit wann gibt es eigentlich den interessanten Buchladen dort drüben? Oder das kleine Café? Möglicherweise schon sehr viel länger, als es uns bewusst ist. Wir haben es nur noch nie registriert, weil wir morgens stur aufs Smartphone schauen oder die Zeitung lesen, anstatt den Blick schweifen zu lassen. Bisweilen gehen wir sogar mit einer erschreckenden Achtlosigkeit durch die Welt, die uns das Leben nur noch wie durch eine Wand wahrnehmen lässt. Wartephasen, auf die wir uns bewusst einlassen, können Wunder wirken, wenn wir unsere Welt und unsere Mitmenschen mit anderen Augen sehen wollen.

Vorfreude braucht Freiraum

Ein ganz besonderer Platz im Rahmen des Wartens gebührt der Vorfreude. Sie gehört idealerweise zum Urlaub. Und natürlich zur Vorweihnachtszeit. Diese besondere Mischung aus Wünschen, Sehnsüchten und Fantasien, die uns gerne mal in Tagträume abdriften lässt. Natürlich klafft zwischen Realität und Vorfreude eine Lücke, bisweilen sogar eine gewaltige. Und doch sorgt die Vorfreude für einen Motivationskick und setzt Glückshormone frei. Wo bleibt die Vorfreude heute? Wird oft im Keim erstickt. Wahlweise erfüllen wir uns die Wünsche sofort und ohne Wartezeit, gerne auch im 24-Stunden-Service. Oder wir stolpern – weil wir alles perfekt machen wollen – in einen Organisationsmarathon, der uns keine ruhige Minute lässt. Der Rest der Vorfreude wird von der Desillusionierung gefressen, die sich mit zunehmender Lebenserfahrung einstellt.

Die weihnachtlichen Vorbereitungen können ein kraftraubender Akt sein, weil uns unsere perfektionistische Ader um den Verstand bringt und der Tag besser 48 Stunden haben sollte. Wir können uns aber auch ein Stück des Zaubers zurückerobern, den wir als Kinder so an diesen Wochen geliebt haben. Und dann heißt es: Weniger ist mehr – nämlich mehr vom für uns Richtigen. Beispielsweise mehr Zeit für den Adventskaffee mit Freunden oder für ein paar märchenhafte Weihnachtsfilme, die uns bessere Laune zaubern als alle perfekten Weihnachtsplätzchen dieser Welt.

Theorie und Praxis

Nun ist bei allem guten Willen nicht jede Wartephase dazu angetan, unbedingt das Beste in ihr zu sehen. Wenn wir hibbelig in der Kassenschlange stehen, weil der Bus in zwei Minuten kommt und vor uns jemand fein säuberlich Münze für Münze hinlegt, ist das bestenfalls ein Lerngeschenk. Wir lernen, tief durchzuatmen und innerlich bis 10 zu zählen. Mehrmals.

Aber in Momenten, in denen wir nicht unter Strom stehen, können wir unser persönliches Wartephasen-Experiment spielerisch angehen. Wenn es uns gelingt, das Warten nicht als verschenkte Zeit wahrzunehmen oder als lästiges Hindernis, das uns beim Abhaken unserer To-do-Liste ausbremst, können wir durchaus davon profitieren. Noch klüger wäre es allerdings, wenn wir bewusst immer wieder kleine Auszeiten einplanten – und seien sie noch so winzig. Kurze Pausen sind zu wichtig, als dass wir sie dem Zufall überlassen sollten, der uns einen verspäteten Bus oder einen Kleingeld zählenden Mitmenschen beschert…

Fotocredits: iStock.com/jenyhunter


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Dipl.-Psych. Susann Müller

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