Besser leben - Sabine Otremba

Komfortzone – der Anfang vom Ende?

Es gibt diesen einen Ort, an dem alles vorbei ist. Keine Weiterentwicklung, nur noch lauwarme Emotionen, Langeweile. Dieser Ort hat einen Namen. Er nennt sich: Komfortzone. Stellt sich die Frage, ob etwas, was sich so gut anfühlt, wirklich so böse sein kann?

Wie böse ist die Komfortzone eigentlich?

Es gibt Menschen, die sich häuslich in ihrer Komfortzone eingerichtet haben. Und als wäre das nicht schon schlimm genug, fühlen sie sich darin auch noch so richtig wohl. Sie trotzen allen Motivationssprüchen oder Zitaten wie dem von Paulo Coelho:

 

„Das Schiff ist sicherer, wenn es im Hafen liegt.
Doch dafür werden Schiffe nicht gebaut.“

 

Weniger wagemutige Menschen stellen sich nämlich die berechtigte Frage, worin der Reiz darin liegen soll, mit einer Nussschale über den Ozean zu schippern? Die Abenteuerlust ist nun mal nicht bei jedem gleichermaßen ausgeprägt und die Existenz der Komfortzone ist ja durchaus eine gute Sache.

Eine intakte Komfortzone ist gleichbedeutend mit einem Gewächshaus, in dem perfekte Bedingungen herrschen. Wir blühen auf. In diesem geschützten Rahmen finden wir eine Mischung aus Vergnügen, Befriedigung und Sicherheit – am Anfang. Verständlich, dass die Aussicht darauf, in einem winzigen Boot durchgeschüttelt zu werden, nicht besonders reizvoll ist. Leider findet der spannende Teil des Lebens außerhalb der sicheren Zone statt. Und nicht nur das: Wenn wir uns selbst an unsere Komfortzone fesseln, hat das über längere Sicht fatale Folgen. Psychologin und Autorin Judith Sills schreibt:

 

“A life that ist too much work erodes the body,
but one that requires too little effort depletes the soul.” [1]

 

Es wird also unweigerlich der Tag kommen, an dem wir uns furchtbar gelangweilt fühlen – von unserem eigenen Leben. Es ist fade, geschmacklos, bleischwer – und das, obwohl doch sonst scheinbar alles in Ordnung ist. Darüber hinaus werden wir immer unsicherer, wenn wir uns zu lange in unserem persönlichen Wohlfühlbereich aufhalten. Wir trauen uns immer weniger zu, denn woran wollen wir wachsen, wenn es keine Herausforderungen mehr gibt?

Schön bequem oder zu bequem?

Ob wir es uns in unserer Komfortzone zu bequem gemacht haben, können nur wir selbst entscheiden. Im Idealfall spüren wir, dass es da doch noch mehr geben muss und dass wir unser Potenzial gehörig verschenken. Manchmal setzt sich der Wunsch nach einem aufregenden Leben allerdings auch eine Tarnkappe auf. Hier lohnt es sich, näher hinzuschauen:

  • Klatsch und Tratsch – online oder in gedruckter Form – üben eine nahezu magische Anziehungskraft auf uns aus. Wir interessieren uns überhaupt sehr für das Leben anderer, sogar für das unserer Nachbarn.
  • Schattenseiten: Es gibt bestimmte Menschen oder Situationen, die wir zutiefst verabscheuen oder über die wir uns einfach wieder und wieder aufregen. Und doch können wir nicht aufhören, uns gedanklich oder tatsächlich damit zu befassen.
  • Gedankenreisen: Wir verschlingen eine Reisedokumentation nach der nächsten und die entsprechenden Bücher gleich mit. Selbst verreisen? Ach nein. Zuhause ist es doch viel bequemer…
  • Leben in Serie: In jeder freien Minute läuft Netflix, weil wir es kaum abwarten können, wie es im Leben unserer liebsten Serienhelden weitergeht. Auf jeden Fall spannender als bei uns.
  • Die Tagträume sind bunt: Wir tagträumen immer wieder von einem Leben, das so gar nichts mit unserer Realität zu tun hat. Phasenweise träumen wir sogar lieber, als dass wir unser eigenes Leben bunter machen.

Die Angst vor dem ersten Schritt

Schauen wir uns kleine Kinder an, bekommen wir eine Ahnung davon, wie wir einmal gewesen sind. Neugierig, lebhaft, mutig, stets auf Entdeckungsreise. Wann kam uns das abhanden? Und warum? Wenn wir uns jetzt geradezu in unserer Komfortzone einigeln, dürfte die Angst ein wichtiger Grund dafür sein. Wir haben Angst davor: 

  • zu versagen,
  • uns lächerlich zu machen,
  • nicht gut genug zu sein,
  • es nicht verdient zu haben,
  • es ohnehin nicht zu schaffen
  • oder Angst vor den Reaktionen anderer.

Was tun wir also? Wir warten auf den richtigen Moment. Auf diesen besonderen Tag, an dem wir uns so richtig gut und mutig fühlen. So wie Harry Potter, der ein bisschen Glückstrank zu sich genommen hat. Leider gibt es weder Felix Felicis noch den passenden Moment. Denn sobald wir die Nasenspitze aus der Komfortzone stecken, schlägt der innere Widerstand zu.

Der innere Widerstand

Der innere Widerstand wird uns mit all unseren Ängsten konfrontieren oder uns Sachen an den Kopf werfen, für die wir jedem anderen die Freundschaft aufkündigen würden. Wenn wir darauf vorbereitet sind, haben wir dem etwas entgegenzusetzen – und sei es nur, dass wir nicht sofort die Flinte ins Korn werfen. Wir sind mitnichten so feige, wie es uns die innere Stimme glauben lassen möchte. Tatsächlich sind wir, wenn wir den ersten Schritt wagen, sogar sehr mutig. Und wir sind beileibe nicht alleine, wenn wir allen Mut zusammennehmen müssen. Robbie Williams etwa bricht vor seinen Live-Auftritten der kalte Angstschweiß aus, Barbara Streisand blieb der Bühne aufgrund ihres Lampenfiebers zwanzig Jahre fern. Und sogar die stets beherrscht wirkende Audrey Hepburn tigerte vor ihren Auftritten nervös vor Lampenfieber hinter der Bühne umher.

Es gibt (leider) kein Leben ohne Angst. Mut ist die Fähigkeit, die Angst zu überwinden. Immer wieder aufs Neue. Und wenn uns das gelingt, ist die Pause in der Komfortzone nicht nur umso schöner, wir haben sie uns wirklich redlich verdient. Damit wir gestärkt den nächsten Ausflug in die Mutzone wagen können.

Ich selbst hielt bisher ehrlich gesagt recht wenig davon, mich in eine Nussschale zu setzen, um unsichere Gewässer zu erkunden. In diesem Jahr allerdings möchte ich tatsächlich hin und wieder meine Mutzone erkunden und vielleicht treffen wir uns ja außerhalb unserer Komfortzonen.

Quelle:
[1] Judith Sills, Ph.D.: The Comfort Trap, Viking Verlag, 2004

Fotocredits: iStock.com/fcscafeine


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