Mentale Gesundheit - Annette Wallisch-Tomasch (Instahelp)

Therapie vs. Online-Beratung: Was ist eigentlich der Unterschied?

Ist eine Online-Therapie seriös? Wie ist die Abgrenzung zur Online-Beratung?

Therapie ist gleichzusetzen mit Behandlung. Therapie bedeutet demnach, krankheitswertige Beschwerden so zu behandeln, dass eine Aussicht auf Heilung besteht. Es braucht also eine klare Intervention, eine Expertise, die dem “Kranken” hilft, zu gesunden. Diese Perspektive ist in der Beratung nicht vorhanden. Hier geht es um Unterstützung und Stärkung der Selbsthilfe von Personen ohne krankheitswertige Symptome.

In Österreich darf man aufgrund der Gesetzeslage (Österreichisches Psychotherapiegesetz) nur von Onlineberatung sprechen, da es an “Unmittelbarkeit” (physischem Kontakt) fehlt. In Deutschland ist dies nicht so streng geregelt. Daher kommt es oft zu begrifflichen Verwirrungen.

Fakt ist: Die Grenzen von Beratung zu Therapie sind verschwommen, denn die Methoden kommen oft aus denselben therapeutischen Fachbereichen. Doch muss immer klar sein – Diagnostik und Befunderstellung darf nur face-to-face erfolgen. Und bei offensichtlich krankheitswertigen Beschwerden sollte auf niedergelassene Therapeuten verwiesen werden, bzw. deren Kontakt mit dem/der KlientIn angebahnt werden. Auch ist eine parallele Begleitung als Ergänzung zu einer vor-Ort-Behandlung durchaus möglich und empfehlenswert.

Werden diese Aspekte und die Grenzen der Online-Kommunikation (siehe weiter unten) berücksichtigt, ist absolute Seriosität gegeben.

Wie kann man sich die Einheiten vorstellen?

Über die Instahelp App gelangt der/die Ratsuchende in seinen/ihren Chatroom, über den er/sie mit Textnachrichten synchron oder asynchron mit dem/der OnlinepsychologInnen schreiben kann.
Prozessbegleitend kann es wichtig (oder auch sehr praktisch) zu sein, nur in Nachrichtenform zu schreiben. Wenn direkter Kontakt und die “Beziehung” zum/r PsychologIn wichtig ist, sind synchron-Chats die beste Version. Hier kann Audio/Video-Chat eine würdige Alternative zur face-to-face Beratung vor Ort darstellen. Die inhaltliche Arbeit ist dann ähnlich wie in der Vor-Ort Praxis. (Einschränkungen siehe weiter unten)!

Welche Vorteile haben Online-PsychologInnen im Vergleich zu Therapeuten, die man face-to-face trifft?

Aus PsychologInnen-Sicht wie auch aus KlientInnensicht ist die Kosten- und Zeitersparnis ein wichtiges Argument. Anfahrtszeiten, Parkgebühren etc. entfallen und für den/die PsychologIn fallen keine Mietkosten an, wenn vom Home Office aus gearbeitet wird.

Für KlientInnen gelten sicher die Hauptargumente: Schnell, günstig, leicht erreichbar, zeitlich flexibel und anonym. Nicht zu unterschätzen ist der Effekt der raschen Intimität, wenn begleitend zum Alltagsgeschehen dicht ausgetauscht wird. Der/die Beraterin kann so unmittelbar herausfordernde Erlebnisse begleiten und eine einzigartige Beziehung zum/zur KlientIn aufbauen (und umgekehrt natürlich). Dies ist vor allem bei akut belastenden Situationen von großem Vorteil.

Vor allem Personen mit hoher sprachlicher Ausdruckskraft und eigenem Reflexionsvermögen sind in der Onlineberatung gut erreichbar.

 
Interventionen im kognitiven und verhaltenstherapeutischem Zugang zeigen sich hoch effektiv, wenn Ratsuchende eigeninitiativ sind.

Was sind die Nachteile aus Therapeuten- und Patientensicht?

Technisch gibt es sicher immer wieder Hindernisse, die überwunden werden müssen. Manche Ratsuchende sind technisch nicht so firm bzw. ängstlich, sodass nicht alles gleich von Anhieb an klappt (z.B. bei Audio/Video-Chats, bei denne Mikrofon etc. aktiviert werden muss). Und auch die Netzstabilität darf bedacht werden. Doch am Ende siegen Geduld und Erfahrung.

Inhaltlich hat Onlinetherapie/-Beratung eindeutig Grenzen, denn der unmittelbare Kontakt über Blick- und Körperkontakt fehlt. Die vollständige Erfassung von Körpersprache ist nicht möglich, und das gemeinsame Bezugnehmen auf Raum und physische Nähe (Präsenzerleben) ist nicht möglich. Manche Ratsuchende brauchen aber gerade eine sehr intensive, emotionale Berührung in der Begegnung, die eben oft nur nonverbal erreicht werden kann. Andere Personen sind sprachlich/schriftlich nicht so versiert und würden mehr Präsenz benötigen. Dies ist online definitiv erschwert. Es braucht viel Erfahrung und feines Gespür, die Bedürfnisse der Ratsuchenden im Online-Setting zu erkennen und so die Beratung zu gestalten.

Wird die Mehrheit der Menschen 2050 auf den Gang zur Praxis verzichten oder wird das dann erst Recht seinen Reiz haben?

Die gute Nachricht: Es wird beides existieren. Und beide Formen haben ihre Wichtigkeit. Menschen werden sich rascher Hilfe und Ermutigung im Alltag holen können und sie werden dies barrierefrei und ohne Stigmata erreichen. Denn auf langer Sicht wird psychologische Beratung auch offline immer mehr vom Stigma der Schande befreit werden, so wie es in den USA seit Jahrzehnten schon üblich ist.

Es wird ein Paradigmenwechsel erfolgen, in dem psychische Gesundheit ein ebenso zu pflegender Bereich ist wie körperliche Fitness.

 
Mit alltagsnahen Apps, Trainingsprogrammen etc. werden Methoden leichter unter die Menschen gebracht. Die persönliche Beratung dazu – ob offline oder online wird wichtiger denn je.

Die persönliche, unmittelbare menschliche Begegnung und Berührung (im wahrsten Sinne des Wortes) wird Onlineberatung allerdings nie ersetzen können. Zu richtig “guten” Therapeuten werden auch in Zukunft Leute quer durchs Land pilgern – wie schon heute.

Vielleicht ist es so wie mit dem E-Paper und der guten alten Zeitung. Jedem das seine – zur richtigen Zeit!